Interview

Geograf: Auch Religion spielt beim Klimaschutz eine Rolle

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Foto: Geograf Dieter Gerten hat die Zusammenhänge zwischen Religion und Klimawandel untersucht.

Potsdam - Klimawandel ist keine Glaubenssache, aber der Umgang damit zum Teil schon, meint Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Religion beeinflusse den Klimaschutz häufig zum Guten, manchmal aber auch zum Schlechten, erläutert er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Geograf und Buchautor Dieter Gerten im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa:

Inwiefern unterstützen Religionen den Klimaschutz? Religionen sagen oft aus einer anderen Sichtweise das, was wir als Naturwissenschaftler auch sehen: Beim Klimawandel und anderen globalen Themen laufen wir auf schwerwiegende Probleme zu oder haben sie schon. Im Christentum gibt es dabei einen sehr starken Blick auf die Armen, weil Klimawandel vor allem sie treffen wird. Und das ist natürlich für Christen ein sehr starkes Motiv, etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Es gibt auf Gemeinde-Ebene sehr viele Aktivitäten, aber auch von Bischöfen. Sogar der Papst hat zum Klimaschutz aufgefordert.Wie sind die Religionen mit der Natur verbunden?

Ganz auffällig ist es bei Naturvölkern, die sehr spirituell geprägt sind und sagen, wir müssen Ressourcen wertschätzen und schonen. Man sieht aber auch sehr schön, dass etwa im Christentum und im Islam jetzt verstärkt diskutiert wird, wie Mensch und Natur zusammenhängen. Das Mensch-Natur-Bild wird neu reflektiert; das geht bis hin zur neuen Auslegung einzelner Bibelstellen.

Können religiöse Strömungen dem Klimaschutz auch schaden? Es gibt insbesondere in den USA fundamentalistische Ströme, unter anderem mit kreationistischem Gedankengut, die die Diskussion um globale Umweltfragen völlig verzerren. Einige Argumente gehen dahin, dass der Mensch das von Gott geschaffene Klima nicht beeinflussen kann.

Künftig kann kaum einer mehr sagen, er habe nichts gewusst vom Klimawandel. Warum machen so wenig Menschen beim Klimaschutz mit

Es braucht erstmal immer Mutige und Vorreiter, die sagen: „Ich möchte einiges ändern.“ Aber vielleicht hat es speziell in den westlichen Gesellschaften auch damit zu tun, dass wir mit unserer Konsummentalität recht losgekoppelt sind von der Natur. Nötig ist ein Wertewandel, eine Reflexion darüber, welche Aufgabe wir in der Welt haben. Dabei ist Klimawandel nur ein Aspekt. Es geht auch um Wassermangel, Landverknappung und Umweltverschmutzung. Die Frage ist bei allem, ob wir Probleme auf technokratischem Weg lösen anstatt einfach unseren Konsum zu verringern.

Wo sehen Sie Lichtblicke? Es gibt positive Ansätze bei den Fragen, wie man die Energiewende schaffen oder Wasser und Energie sparen kann. Da besteht durchaus Hoffnung, dass immer mehr Menschen mitmachen. Es gibt ja auch viele Leute, die weniger Fleisch essen - als persönlichen Beitrag, das Klima zu schonen, aber auch die Landressourcen oder die Tiere. Jeder muss für sich sehen, ob sein Lebensstil akzeptabel ist oder ob sich da nicht was ändern lässt. Die fatalen Bilder vom Klimawandel sind ja keine feststehenden Prognosen – die Menschheit hat ja noch in der Hand, wie sich die Zukunft entwickelt.

Glauben Sie an Gott?

Nicht an den Einen. Ich denke eher integrativ über verschiedene religiöse Ideen hinweg. Ich betrachte den Menschen - ob von Gott geschaffen oder nicht - als zentralen Akteur auf dieser Welt und glaube, dass wir die geistige Kraft auf dieser Welt sind und eben auch die Chancen nutzen müssen, etwas daraus zu machen. Das erfordert auch ein Nachdenken über die Natur und unsere Stellung darin.

Wo steht der Mensch beim Klimaschutz?

Bisher haben wir uns als schaltende und waltende Kraft verstanden, die die Ressourcen ausbeuten kann. Aber wir müssen einsehen, dass wir eigentlich viel mehr können. Jetzt wissen wir über den Klimawandel Bescheid und über die Ressourcenverknappung. Da wäre es an der Zeit, weiser zu wirtschaften. Das kann aus religiösen Impulsen heraus geschehen oder auch nicht. Es sind zumindest noch viele Weisheiten zum „guten Leben“ in den Religionen verborgen, die geborgen und neu interpretiert werden können.

Religion in Environmental and Climate Change, Hrsg.: Dieter Gerten, Sigurd Bergmann, 2011, 14 Beiträge, 288 S., ISBN: 9781441169297, Online-Preis: 48,75 Pfund

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