Neues Sachbuch

Hannoverscher Wissenschaftler analysiert Gründe für Welthunger

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Foto: Warten auf Hilfe: Somalische Frauen in Mogadischu in einer Warteschlange vor der Lebensmittelausgabe.

Hannover - Im Jahr 2011 hungerte gut eine Milliarde Menschen auf der Erde. Warum ist das so? Und muss das so bleiben? Der hannoversche Wissenschaftler Asit Datta analysiert in seinem Buch „Armutszeugnis" die Gründe für den Hunger.

Am Anfang steht die gute Nachricht: 1960 hungerten 37 Prozent der Menschen, 2011 waren es noch 14,6 Prozent. Ihr folgt allerdings bald schon die schlechte: 1990 hungerten 815 Millionen Menschen, 2011 eine Milliarde. Wer zu Kurzschlüssen neigt, vermutet hier wohl einen Zusammenhang von Hunger und Bevölkerungswachstum. Zu Unrecht: Die Agrarproduktion ist stärker gestiegen als das Bevölkerungswachstum. Allerdings ist der Anteil der Nahrungsmittelherstellung gesunken. Nur 47 Prozent des Getreideaufkommens werden heute direkt für die Ernährung von Menschen aufgewendet – der Rest wird verfüttert, verheizt und als Treibstoff genutzt.

Weder der Stand der Agrartechnik noch Naturkatastrophen bieten eine plausible Erklärung für das Phänomen des weltweiten Hungers, dem täglich 25000 Menschen zum Opfer fallen. Asit Datta, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Hannover am Institut für Erziehungswissenschaft lehrte, hat für die Reihe dtv-premium nun die strukturellen Gründe für das globale Armutsproblem herausgearbeitet und sie schnörkellos, anschaulich und mit viel Zahlenmaterial ausgebreitet.

Seine facettenreiche Darstellung reicht von der Definition der relativen und absoluten Armut über die ungleiche Verteilung von Energie und Ressourcen bis zur Ungleichheit der Geschlechter und den Benachteiligungen der armen Länder durch Handelsregeln und einer wenig hilfreichen Entwicklungshilfe.

Ein „Armutszeugnis“, so lautet denn auch der Titel seiner Darstellung, stellt der 1937 in Indien geborene Wissenschaftler vor allem den westlichen Industrieländern und den korrupten diktatorischen Regierungen aus, mit denen, entgegen vieler feierlicher Beteuerungen, die westlichen Länder doch immer wieder gern und viel kooperieren. Verschärft wird das Hungerproblem zudem durch die Verheerungen, die die zahlreichen Bürgerkriege anrichten, durch Börsenspekulationen mit Nahrungsmitteln, durch Landraub und Umweltzerstörungen.

Interessant sind dabei Dattas kritische Ausführungen zur Tätigkeit westlicher Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich zuweilen auch als Vormünder aufspielen. An gelungenen Projekten einheimischer NGOs zeigt er, wie wichtig es ist, die Probleme und vor allem die wirklichen Bedürfnisse vor Ort zu berücksichtigen.

Zentrale Probleme sind, das zeigt Datta mit großer Nüchternheit, die Struktur des Welthandels selbst und die Doktrin, die die wichtigsten internationalen Akteure wie Weltbank, Welthandelsorganisation (WTO) und Internationaler Währungsfonds (IWF) in den ärmeren Ländern exekutieren. Für die ideologische Fixierung auf neoliberale Erlösungsträume, in denen der freie Markt gleichsam mit unsichtbarer Zauberhand alles Heil schafft, gibt es keine empirische Bestätigung, im Gegenteil: Das Wachstum kommt allenfalls einer Minderheit zugute, in 54 Ländern ging es der Mehrheit nach diesen Reformen schlechter.

Die magische Dreieinigkeit von Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung führte in diesen Ländern zu Staatskrisen – vor dem Bankrott hätten sich Länder wie Argentinien und Mexiko nur retten können, weil sie die Regeln nicht mehr einhielten. Das ist die These von Joseph Stiglitz: Der ehemalige Chefökonom der Weltbank ist einer ihrer schärfsten Kritiker geworden.

Während die westlichen Länder, die diese internationalen Institutionen beherrschen, mit täglich einer Milliarde Dollar ihre eigene Nahrungsmittelproduktion subventionieren, bekamen die armen Länder die Kredite nur, wenn sie ihre Nahrungssubventionen strichen. Die Folgen waren wachsender Hunger und wachsende Abhängigkeit. Ein Beispiel, das Datta anführt: Bis zu seiner Mitgliedschaft bei der WTO war Kamerun Selbstversorger für Hühnerfleisch. Die Einfuhr von billigem, weil subventioniertem, dabei aber qualitativ schlechtem Hühnerfleisch führte zu einer dramatischen Vernichtung von Arbeitsplätzen. In den meisten armen Ländern sind es denn auch die Kleinbauern, die am meisten hungern. Das wiederum verschärft die Landflucht.

Auch vom Outsourcing etwa der Textilindustrie, das zeigt Datta an einem anderen Beispiel, haben die produzierenden Gesellschaften nicht viel. Vom Kaufpreis eines T-Shirts etwa bleiben ihnen insgesamt 2,7 Prozent, 1,7 Prozent machen allein die Lohnkosten aus. Der Rest des Verkaufspreises wird in den Industrieländern realisiert.

Die Entwicklungshilfe hat auch ihre Tücken, weil sie sich nicht, wie Datta betont, an den wirklichen Bedürfnissen dieser Länder, an der Bekämpfung des Hungers, der Armut und der Korruption orientiert und nicht auf Nachhaltigkeit angelegt ist. Stattdessen, kritisiert der Autor, definieren die Geber das, was die Nehmer brauchen – mit dem praktischen Ergebnis, dass derzeit für einen Euro deutsche Entwicklungshilfe 1,80 Euro an die deutsche Exportwirtschaft zurückfließen. Vielleicht ist ja das gemeint, wenn von „Hilfe zur Selbsthilfe“ die Rede ist.

Karl-Ludwig Baader

Asit Datta: „Armutszeugnis“. dtv-premium. 218 Seiten, 14,90 Euro.

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