In vielen Ländern

HIV-Epidemie unter Schwulen verschlimmert sich

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Foto: Trotz Erfolgen bei der weltweiten Bekämpfung von HIV haben die Maßnahmen eine Bevölkerungsgruppe nach einer neuen Studie zu wenig erreicht: homosexuelle Männer.

London - Ein Viertel der Schwulen in karibischen Ländern ist nach einer neuen Studie bereits mit HIV infiziert. Auch in anderen Regionen stecken sich vor allem Männer, die Sex mit Männern haben, mit dem Erreger an. Ein Grund sei das höhere Infektionsrisiko beim Analverkehr.

Das HIV-Risiko unter homosexuellen Männern bleibt nach einer neuen Studie in vielen Regionen unkontrollierbar. Unter Männern, die Sex mit Männern haben, breite sich die Epidemie in den meisten Ländern weiter aus - unabhängig vom Wohlstand, schreiben US-Forscher vor dem Start des Welt-Aids-Kongresses am 22. Juli in Washington im Fachjournal „Lancet“.

Hauptgrund sei die sexuelle Praktik des Analverkehrs. Ohne Kondom sei das Risiko einer HIV-Übertragung dabei rund 18 Mal größer als bei ungeschützten Kontakten zwischen Penis und Vagina, berichten die Forscher um Chris Beyrer von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore (US-Staat Maryland). Weitere Gründe für das hohe HIV-Risiko bei Schwulen häufige Partnerwechsel und die wechselnden Rollen beim Geschlechtsakt. Groß sei die Gefahr vor allem bei der empfangenden Position.

In einigen Ländern liege die HIV-Häufigkeit (Prävalenz) bei homosexuellen Männern bereits über 15 Prozent, schreiben die Forscher. Die höchste Prävalenz gebe es in karibischen Staaten (25 Prozent), Afrika (18 Prozent) und Nordamerika (15 Prozent). Allein in den USA seien die Infektionszahlen bei homosexuellen Männern seit 2001 jährlich um geschätzte 8 Prozent gestiegen. In vielen westeuropäischen Staaten liegt die Prävalenz der Studie nach niedriger – bei rund 6 Prozent.

Auch in Deutschland ist die HIV-Epidemie nach dem jüngsten Bericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Montag nach wie vor am stärksten durch die Entwicklung in der Gruppe homosexueller Männer geprägt. Von 2889 Erstdiagnosen im Jahr 2011 entfielen 1574 auf bekennende Schwule. Die Zahlen gehen nach einem Anstieg bis 2008 zurück - zuletzt um sieben Prozent. Von einer Trendwende wollen die RKI-Forscher aber noch nicht sprechen.

Wenn es um HIV gehe, seien homosexuelle Männer in Deutschland durch ihre Sexualpraktiken und die hohe Zahl ihrer Sexualkontakte am meisten gefährdet, sagt auch RKI-Experte Osamah Hamouda. „Hier besteht das höchste Risiko, dass man auf einen Partner mit HIV trifft.“ Innerhalb Europas lägen die Ansteckungsraten in Deutschland dennoch auf einem sehr niedrigen Niveau. „Das spricht für gute Erfolge bei der Prävention.“

Das sieht auch die Deutsche Aids-Hilfe so. „Die besonders stark von HIV betroffenen Gruppen sind in die Prävention einbezogen“, sagt Sprecher Holger Wicht. „Schwule Männer brauchen Informationen, die genau zu ihrem Lebensstil passen.“ In Deutschland sei ihr Schutzverhalten seit Jahren stabil und hoch: 70 Prozent schützten sich nach Umfragen immer mit Kondomen, 20 Prozent fast immer.

HIV könne durch die großen Schwulen-Netzwerke in besonders hoher Geschwindigkeit übertragen werden, heißt es in der „Lancet“-Studie. Die Ansteckungen ließen sich nach den Berechnungen der Forscher schon um bis zu 50 Prozent senken, wenn ungeschützter Analsex nur in langjährigen Partnerschaften praktiziert würde.

Die Übertragungen des Virus hätten aber auch noch eine molekularbiologische Ursache. Unter homosexuellen Männern kämen häufiger gefährlicher Ausprägungen des HI-Virus vor als in anderen Bevölkerungsggruppen. Deshalb empfehlen die Forscher ein Nachdenken darüber, ob antivirale Substanzen bei Schwulen nicht auch zur Prävention und Prophylaxe eingesetzt werden sollten. In den USA war das Medikament „Truvada“ erst kürzlich zur vorbeugenden Einnahme zugelassen worden.

dpa

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