Hamburger Tropeninstitut

Invasion der Viren

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Hamburg - Ebola? Ein dummes Virus, weil es zu schnell tötet. Doch mit der Globalisierung kommen auch neue, intelligente Erreger nach Europa. Das Hamburger Institut für Tropenmedizin ist ihnen auf der Spur.

Es gibt diesen Moment, da springt der eigentlich sehr bedächtige Mediziner Professor Bernhard Fleischer in seinem Büro hoch über der Elbe auf, läuft an den Gläsern mit den Schlangenpräparaten vorbei zu seinem Computer, und es ist nicht ganz klar, ob es Faszination ist, die ihn zu dieser Eile treibt. Oder doch eher Sorge. Faszination, weil seine Gegner mal wieder etwas geschafft haben, was ihnen niemand zugetraut hatte. Sorge, weil nun wieder Hunderte Menschen krank sind und vielleicht bald Tausende weitere.

Fleischer zeigt auf die Meldung. „500 Fälle von Chikun­gunya-Fieber in Texas“, liest er vor. Das Fieber grassierte zuvor nur in Mittelamerika. Jetzt ist es in den USA angekommen. Und wenn es stimmt, was Professor Fleischer prophezeit, dann wird es sich nun ausbreiten, vom Süden in den Norden und Osten und Westen des Landes. „Da“, sagt Fleischer, „beginnt nun eine Epidemie.“

Es ist der „worst case“ für die Wissenschaftler. Das, was sie am stärksten fürchten – und was sie mit ihrer Forschung verhindern wollen. Weil auch ein Virus wie Chikungunya sich auf dem Weg durch die Welt wandelt, weil es aggressiver werden, Komplikationen auslösen – und im Extremfall töten kann.

Bernhard Fleischer, ein hagerer 63-Jähriger, ist Parasitologe und Immunologe. Sein Arbeitsplatz ist das Institut für Tropenmedizin in Hamburg, gegründet vor 114 Jahren vom Hafenarzt Bernhard Nocht. Es ist die größte Einrichtung dieser Art in Deutschland. Und wenn ihn die Nachricht von der Ausbreitung des Chikungunya-Fiebers so elektrisiert, dann auch deshalb, weil sie eine der Hauptthesen von ihm und seinen rund 30 Wissenschaftlerkollegen bestätigt: dass es für Viren heute deutlich weniger Grenzen gibt. Das gilt für Viren, die bislang nur Tiere befallen – wie das Vogelgrippe-Virus, das es in diesen Tagen von Südkorea bis auf die Geflügelhöfe in Mecklenburg-Vorpommern und Großbritannien geschafft hat. Und es gilt für die Viren, die Menschen angreifen.

„Die Globalisierung führt dazu, dass sich Krankheiten gleichmäßig über die Welt verteilen“, sagt Fleischer.

Das ist, natürlich, eine sehr grobe These. Für Ebola stimmt sie zum Beispiel nicht. „Eine Ebola-Epidemie wird es in Deutschland nicht geben“, sagt Fleischer. Zu groß ist die Vorsicht in Europa, zu leicht ist es, dieses Virus, das sich nur durch unmittelbaren Kontakt verbreitet, zu stoppen. Es hat ja schon in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Ausbrüche von Ebola gegeben, und stets blieben die Infektionen auf eine Region beschränkt. Aber was bedeutet es, wenn es selbst dieses Virus schafft, sich auf drei, vier Länder auszubreiten?

So eine Karriere hätte auch Fleischer Ebola nicht zugetraut. „Karriere“, das Wort wird tatsächlich im Zusammenhang mit Viren verwendet. „Hochintelligent“, „erfolgreich“, „tolle Strategie“ – so spricht Fleischer über Viren, wenn er sich nicht zuvor bremst, weil er weiß, dass es missverständlich klingt, wenn er über Viren spricht, als seien sie Menschen.

Seit 20 Jahren beschäftigt sich Fleischer mit den Erregern. Es gibt, sagt er, unter Virologen zwei Arten: Die einen widmen ihr ganzes Forscherleben einem einzigen Virus. Die anderen sind wie er.

„Mich fasziniert die Vielfalt der Erreger, die so unterschiedliche Strategien nutzen, um sich zu vermehren und die Abwehr des Wirtes zu überlisten.“ Die Kunst des Virus also, sich zu verändern, um möglichst lange zu überleben. Wenn der Mediziner einen Virus verstanden hat, beschäftigt er sich mit dem nächsten. An Nachschub war bislang kein Mangel. Seit 1988 sind 30 neue Erreger entdeckt worden.

Sie sind alle hier, im Stockwerk über Fleischer. Sars, das erst 2003 entdeckte Virus, Ebola, Marburg, Lassa, das Krim-Kongo-Virus – die gefährlichsten Erreger der Welt. Hier, im Institut für Tropenmedizin, liegen sie in verschweißten Röhrchen, die wiederum bei minus 180 Grad in flüssigem Stickstoff in einer Schublade in einem Labor liegen, das man nur im Ganzkörper-Schutzanzug betreten darf.

Ein erfolgreiches, intelligentes Virus, das ist für Fleischer eines, das seine Wirte, die Menschen, noch eine Weile leben lässt, damit sie weitere Menschen anstecken können. So gesehen ist Ebola ein dummes Virus. Seine Menge ist beeindruckend, zwei Milliarden Virenpartikel können in einem Milliliter Blut stecken. Das macht Blut und Speichel so ansteckend. Aber es tötet zu schnell. Es ist zu aggressiv. Zwei bis drei Wochen, dann ist der Wirt meist tot. Und wenn Ebola dennoch so eine Karriere gemacht hat, dann liegt das nicht am Virus, sondern am Menschen. Weil er sich nicht schützt und die Ratschläge der Wissenschaftler in den Wind schlägt. Und weil er weite Wege überwindet und selbst die entlegensten Winkel der Erde erschließt.

Die Abgeschiedenheit, das war früher ein wichtiger Schutz vor Viren. Die Ebola-Epidemie, die derzeit in Afrika grassiert, nahm ihren Anfang in Meliandou, einem Dorf in Guinea. Dort infizierte sich ein Kind, weil es den Kadaver eines Flughunds anfasste. Bernhard Fleischer kennt Meliandou. Das Institut hatte dort eine Forschungsstation. Wahrscheinlich würde es die Epidemie heute nicht geben, wäre Meliandou geblieben, was es damals war: ein Ort, zu dem nur ein Weg führte. Heute gibt es eine Straße nach Meliandou. Auf dieser Straße fahren jetzt die Menschen in alle Richtungen – und mit ihnen fahren die Viren.

Bernhard Fleischer ist im Zwiespalt. Er will Ebola nicht verharmlosen, es ist eine hochgefährliche Krankheit. Aber die größere Bedrohung für den Westen ist wohl etwas anderes.

In einem Raum des Instituts, nicht weit von Fleischers Büro, steht ein gläserner Käfig voller Mücken. Aedes albopictus halten sie hier, die asiatische Tigermücke. Jene Mücke, die früher nur in tropischen Gebieten beheimatet war – und die seine Kollegen allein in den vergangenen beiden Jahren 40-mal an deutschen Autobahnraststätten gefunden haben. Die Tigermücke kann Krankheiten übertragen, das Dengue-Fieber etwa. Oder eben auch Chikungunya. Diese Krankheiten sind, im günstigsten Fall, extrem unangenehm, aber nicht tödlich. Aber niemand weiß, wie sie sich auf neuem Gebiet entwickeln, wie aggressiv sie werden. „Die größte Bedrohung der nächsten Zeit“, sagt Fleischer, „sind aus meiner Sicht diese tropischen Fieber.“

Wie sich die Tigermücke ausgebreitet hat, das haben Fleischers Kollegen inzwischen nachzeichnen können: mit dem internationalen Reifenhandel. Gebrauchte Reifen kommen mit dem Schiff von Asien nach Europa, wo sie geschreddert als Straßenbelag verwendet werden. In den Reifen steht meist etwas Regenwasser. Dort hinein legen die Mücken ihre Eier. Wo die Krankheiten, die sie übertragen können, schon angekommen sind, zeigen rote Punkte auf Fleischers Karte. 1300 Fälle von Dengue-Fieber 2012 auf Madeira. Erste Fälle in Kroatien und Südfrankreich. 200 Fälle von Chikungunya-Fieber 2007 in Ravenna, Italien. Und jetzt: Texas.

Draußen, vor Fleischers Büro, schwimmt ein Containerschiff elbabwärts, man sieht auf den Fluss, die Landungsbrücken. Die Schlangenpräparate in seinem Büro stammen aus dem Museum, das das Institut aufgelöst hat, weil es den Platz für Labore brauchte. Fleischer wollte nicht, dass die Präparate weggeworfen werden. Afrika, die Elbe, das Ferne und das Nahe, die Distanz schnurrt in seinem Blick zusammen. Vielleicht lässt sich die Tigermücke aufhalten, durch Insektengift. Wahrscheinlich aber kommt irgendwann ein neues Virus. Ein intelligentes Virus. „Man darf nur nicht glauben“, sagt Fleischer, „dass sich die Bedrohung irgendwann erledigt haben wird“.

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