Chronische Schmerzen

Jenseits der Schmerzgrenze

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Elf Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen.

Schildow - Elf Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen. Vielen könnte geholfen werden. Doch die wenigsten haben Zugang zur richtigen Therapie. Lesen Sie die Geschichte einer chronischen Schmerzpatientin und wo es Hilfsangebote gibt.

Marianne S.* ist eine starke Frau. Nach ihrem Unfall hat sie gekämpft, um wieder aus dem Rollstuhl herauszukommen. Wenn sie beim Kaffeetrinken im Garten ihres Hauses in Schildow nördlich von Berlin manchmal den Kopf in die Hände stützt, weil er ihr zu schwer wird, wirft sie sich selbst mangelnde Haltung vor. „Ich muss unhöflich sein, das ist nicht schön“, sagt die ehemalige Eiskunstläuferin und Sportlehrerin.

Doch es ist nicht nur unschön. Immer wenn sich die 69-Jährige anstrengt oder vergisst, kerzengerade zu sitzen, wird auch der Schmerz stärker. „Eine Geburtstagsfeier geht an die Substanz“, sagt S. Manchmal wird es so schlimm, dass sie sich hinlegen muss, bis sich die Nerven wieder beruhigen. „Ich schlafe bis um 2 oder 3 Uhr am nächsten Tag, dann bin ich wieder ansprechbar“, sagt sie.

Seit sieben Jahren leidet Marianne S. an chronischen Schmerzen. Ihr Mann führt das auf zwei Stangen zurück, die ihr nach dem Unfall hinten an den Halswirbeln festgeschraubt wurden, um die Wirbelsäule zu versteifen: Die Schrauben, meint er, seien zu lang gewesen und hätten auf die Nerven gedrückt. „In der Reha fing es an, ich konnte mich nicht mehr halten“, sagt Marianne S. Brennende Schmerzen schossen bis in den rechten Unterarm, zwei Finger waren wie abgestorben. Der Schmerz hat sie seither nie wieder verlassen.

Chronischer Schmerz ist in Deutschland schon fast eine Volkskrankheit. Rund elf Millionen Deutsche leiden der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie zufolge daran. Schmerztherapeuten klagen, dass es oft nur schwer Hilfe für dieses spezielle Krankheitsbild gibt: Bundesweit gebe es nur 1027 schmerztherapeutisch tätige Ärzte, davon nur 381 Vollzeit-Spezialisten, berichtet die Initiative „Wege aus dem Schmerz“, ein Zusammenschluss aus Ärzten, Wissenschaftlern, Patientenvertretern und der Firma Pfizer, die unter anderem Schmerzmedikamente herstellt. 40 Prozent der betroffenen Patienten würden überhaupt nicht therapiert.

Bei chronischen Schmerzen spielt physische Ursache oft keine Rolle mehr

Eindreiviertel Jahre quälte sich Marianne S. mit den mörderischen Schmerzen, bekam Opiate und verbrachte auch schon mal zwei Wochen mit Eurythmie, Entspannungsübungen und Gymnastik in einer schmerzmedizinischen Klinik. Alles ohne durchschlagenden Erfolg. Mehr durch Zufall bekam das Ehepaar S. mit, dass ein Arzt die langen Schrauben als mögliche Quelle für den Schmerz bezeichnete. Sie besorgten sich einen Termin für eine dritte Operation.

Seit die Schrauben und Stangen herausgenommen worden sind, geht es besser. „Es war, als ob man den Druck wegnimmt“, sagt Marianne S. Doch das Leiden blieb. „Der Schmerz ist bei mir, er gehört zu mir, er ist in mir.“

Anders als beim akuten Schmerz, der ein sinnvolles Warnsignal des Körpers ist, spielt bei der chronischen Variante die physische Ursache oft keine Rolle mehr. Der Schmerz verselbstständigt sich und wird schließlich selbst zur Krankheit. „Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass Schmerz nur ein Symptom einer Krankheit ist“, sagt die Ehrenpräsidentin der Deutschen Schmerzliga, Marianne Koch.

Viele Patienten entwickeln ein Schmerzgedächtnis, das sie Pein selbst dort empfinden lässt, wo eigentlich gar keine Ursache erkennbar ist. Das kann so weit gehen, dass Patienten noch Schmerzen an Gliedmaßen empfinden, die längst amputiert sind. „Der Schmerz hat immer eine psychische Komponente“, sagt Gerhard Müller-Schwefe, Leiter des Schmerzzentrums in Göppingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Auch das Soziale spielt eine große Rolle.

Einsamkeit und Isolation

Manche Patienten vereinsamen, weil Angehörige oder Freunde kein Verständnis aufbringen und sich zurückziehen – was seinerseits die Krankheit verstärkt. Ein von der Deutschen Schmerzliga herausgegebenes „Schwarzbuch Schmerz“ dokumentiert erschütternde Schicksale – bis hin zur Ignoranz in Kliniken, wo Narkose-Assistentinnen unter unstillbaren Schmerzen leidende Patienten schon mal mit dem Hinweis abbügeln, dass der Oberarzt nicht mehr im Hause sei und es nun keine weiteren Schmerzmittel mehr geben könne.

Marianne S. hat das Glück, einen fürsorglichen Ehemann zu haben, der anfangs 2000 bis 3000 Kilometer im Jahr fuhr, um sie zu ihren Therapien zu bringen, unter anderem zur Schmerzambulanz der Berliner Charité, wo sie mittlerweile Patientin ist. Und sie hat eine intakte Familie mit vier Kindern und vier Enkelkindern, das jüngste sechs Monate alt. Marianne S. nimmt eine Spieluhr in die Hand und lächelt leise.

Sie bezeichnet sich selbst als „gedämpft“. Anders als früher könne sie sich nicht mehr so freuen, aber auch nicht mehr so traurig sein wie früher. S. nimmt starke Medikamente, die die gesteigerte Freisetzung von Botenstoffen im zentralen Nervensystem normalisieren und damit die überschießende Schmerzreaktion des Körpers ein Stück weit ausschalten. Die Hartkapseln machen den Schmerz erträglich. Sie greifen aber auch bei manchen Patienten in die Psyche ein.

Schmerztherapeuten weisen darauf hin, dass Krankheit und Schmerz schnell bekämpft werden müssen, bevor der Patient ein Schmerzgedächtnis entwickelt. „Wer wegen Rückenschmerzen drei Monate nicht arbeitet, hat nur noch eine Chance von 30 Prozent, an den Arbeitsplatz zurückzukehren“, sagt Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin im Klinikum rechts der Isar in München und Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Oftmals entwickeln die Patienten auch eine Schonhaltung, um dem Schmerz kurzfristig auszuweichen; langfristig verstärkt diese aber die Beschwerden.

Die Patienten bräuchten eigentlich eine intensive Behandlung, bei der Schmerzärzte, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten Hand in Hand arbeiten. Oftmals verhindern dies aber schon die starren Strukturen im deutschen Gesundheitssystem. Auf einen Termin beim Schmerztherapeuten muss ein Drittel der Patienten zwischen einem und sechs Monate warten. Hinzu kommen die starren Abrechnungsregeln. Ein intensives Gespräch, um die Situation des Patienten zu analysieren und den geeigneten Therapiemix zu entwickeln, können die Ärzte nach eigener Aussage nur schwer abrechnen – obwohl es in der Gebührenordnung für Ärzte eine gesonderte Beratungsziffer für die Schmerztherapeutische Behandlung gibt. Grundsätzlich gibt es starke Anreize für Operationen – die aber oft nicht das Mittel der Wahl sind.

Alternative Therapien werden nur selten von den Kassen bezahlt

Die Techniker Krankenkasse probiert alternative Modelle aus, um Schmerzpatienten besser zu versorgen. Statt monatelang von Arzt zu Arzt zu laufen oder auf Termine zu warten, bekommen sie einen umfassenden Behandlungsplan. 53 Prozent seien binnen vier Wochen wieder arbeitsfähig, sagt der Leiter des TK-Versorgungsmanagements, Klaus Rupp. Die Kasse steht mit der Initiative aber bisher allein auf weiter Flur.

Von einer Unterversorgung mit Schmerztherapie möchte Rupp dennoch nicht pauschal sprechen. Nicht jeder Patient müsse von einem Schmerztherapeuten versorgt werden, sagt er. Für das knappe Angebot an Schmerzmedizinern möchte niemand verantwortlich sein. Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen betont, dass die Ärzteschaft die Verteilung der Honorare allein verantworte. Hingegen verweist Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung auf die ohnehin knappen Mittel, die einem unendlichen Leistungsversprechen gegenüberstünden.

Wenn der Schmerz erst einmal da ist, muss der Patient lernen, damit umzugehen. Marianne S. versucht, die Last mit Fassung zu tragen. „Ich bin nicht der Typ, der an Schmerz denkt“, sagt die ehemalige Leistungssportlerin, die 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck angetreten ist. S. hat gelernt, bis an ihre körperlichen Grenzen zu gehen. Dennoch bleibt es ein ständiger Kampf, „jeden Tag neu“, sagt sie.

* Name von der Redaktion geändert

Antje Schroeder

Wo gibt es Hilfe?

Niedersachsen/Bremen: ■  In Niedersachsen und Bremen sind 38 Prozent der Befragten nicht in ärztlicher Behandlung. ■  68 Prozent der Patienten in Behandlung gehen zu ihrem Hausarzt. ■  Zehn Prozent besuchen einen Schmerztherapeuten. ■  In Niedersachsen und Bremen erhalten immerhin 18 Prozent der Betroffenen eine Psychotherapie (Spitzenreiter im bundesweiten Vergleich), aber nur 35 Prozent sind in physiotherapeutischer Behandlung. Schleswig-Holstein/Hamburg: ■  Hier gaben 38 Prozent der Befragten an, wegen ihrer chronischen Schmerzen nicht in ärztlicher Behandlung zu sein. Von den übrigen gehen 72 Prozent zu ihrem Hausarzt. ■  Gerade einmal zwei Prozent der Betroffenen besuchen einen Schmerztherapeuten – im bundesweiten Vergleich sind Schleswig-Holstein und Hamburg damit Schlusslicht. Baden-Württemberg: ■  Hier befinden sich im Vergleich zu den anderen Bundesländern die meisten Schmerzpatienten nicht in ärztlicher Behandlung – 44 Prozent. Berlin/Brandenburg: ■  In Berlin und Brandenburg befinden sich mit 75 Prozent im bundesweiten Vergleich die meisten Betroffenen wegen ihrer chronischen Schmerzen in Behandlung. Informationen bieten: ■  Deutsche Schmerzliga, Oberursel; Telefon 07 00 / 3 75 37 53 75; www.schmerzliga.de■  Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin, München, Klinikum rechts der Isar; Telefon 0 89 / 41 40-46 13; www.mri.tum.de/node/176

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