Hilfe in vielen Situationen

Die Kraft der Rituale

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Frankfurt - Die einen vertrauen auf ihre Glücksbringer in wichtigen Lebenssituationen. Bei den anderen läuft Weihnachten immer nach dem selben Schema ab. Rituale sorgen für Ruhe und Sicherheit und helfen bei Stresssituationen. Außerdem prägen sie die kulturelle Identität.

Morgens muss bei den meisten Menschen alles seinen Gang gehen: Erst die Kaffeemaschine einschalten, dann das Brot in den Toaster, danach die Zeitung aus dem Briefkasten. Wird der Rhythmus gestört, kommt Stress auf. "Solche Rituale geben einen bestimmten Ablauf vor, der uns Ruhe und Sicherheit gibt", erklärt die Psychologin Meike Watzlawik von der Technischen Universität Braunschweig: "Wir alle brauchen Rituale, um unsere Umwelt zu strukturieren. So haben wir das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben."

Das gilt schon für die Kleinsten. "Rituale haben etwas Kanalisierendes. Durch sie werden Handlungsabläufe erkennbar", erklärt der Psychologe Wilfried Griebel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. So sei etwa die Gute-Nacht-Geschichte ein wichtiger Bestandteil des Abendrituals mit kleinen Kindern: Das Zu-Bett-bringen erfolgt immer nach demselben Schema und erleichtert dem Kind den Übergang in den Schlaf.

"Gleichzeitig helfen Rituale dabei, starke Gefühle in einen vorhersehbaren Kontext zu bannen", sagt Griebel. So bereite etwa das Abschiedsfest im Kindergarten auf den Übergang in die Grundschule vor. "Natürlich freuen sie sich einerseits auf die Schule, sind andererseits aber auch unsicher und traurig, die gewohnte Umgebung des Kindergartens verlassen zu müssen."

Und auch Erwachsenen geben Rituale in schwierigen Situationen Halt: "Etwa dann, wenn sie eine Beerdigung besuchen müssen und ihnen der gewohnte Ablauf der Trauerfeierlichkeiten dabei hilft, das zu überstehen", sagt der evangelische Theologe Klaus Dirschauer, der zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat: "Rituale erleichtern das Zusammenleben. Sie vertreten Handlungen und Emotionen, die sich nur schwer in Worte fassen lassen." Eine Gesellschaft ohne Rituale - das wäre Chaos, lautet seine feste Überzeugung.

Doch was genau ist ein Ritual? Auf jeden Fall etwas, was man regelmäßig wiederhole, sagt der ehemalige Pastor: "Das Ritual trägt immer ein Alltagskleid." Dabei ist der Übergang von einer festen Gewohnheit zu einem Ritual oft fließend, hat Meike Watzlawik beobachtet. In der Gesellschaft haben Rituale etwas Gemeinschaftsstiftendes. "Sie stärken das Wir-Gefühl. Deswegen ist unsere Heimat da, wo Rituale übereinstimmen", sagt Griebel. Sie prägen die kulturelle Identität, beschreibt Watzlawik: "Rituale zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen Bedeutungen und Werte gleich zuordnen." Und für Klaus Dirschauer sind sie "wie der DNA-Plan unserer Kultur".

Ein Beispiel ist das Weihnachtsfest, das in vielen Familien einen stark ritualhaften Charakter hat. Es sei Ausdruck der Gemeinschaft, sagt Griebel - und das gilt auch für jene Menschen, für die die religiöse Bedeutung nicht im Vordergrund steht. Rituale wie das tägliche Öffnen des Adventskalenders seien gerade für Kinder wichtig, urteilt der Psychologe: "Sie erleichtern ihnen das Reinwachsen in die Gesellschaft."

Wandel und Veränderungen seien durch Rituale leichter zu ertragen, erklärt Meike Watzlawik: "Wenn die Eltern ins Kino wollen und ein Babysitter übernimmt, dann unterstützt die Einhaltung des üblichen Abendrituals die Kinder dabei, die Abwesenheit der Eltern leichter hinzunehmen." Und auch Erwachsenen können sie bei der Bewältigung von Stresssituationen helfen: "Etwa, wenn ein neuer Job angetreten wird. Dann hilft das gewohnte morgendliche Ritual, erst mal bei einer Tasse Kaffee die Zeitung zu lesen." Rituale seien für die meisten einfach ein wichtiges Sicherheitsnetz.

epd

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