Küss mich, denn es ist Frühling!

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- Bald ist Frühling! Aber was ist dran an den viel beschworenen Frühlingsgefühlen? Am unwiderstehlichen Drang zu flirten, sich zu verlieben, himmelhoch jauchzend und kein bisschen betrübt? Peter Walschburger, Professor für Biopsychologie an der Freien Universität Berlin, hat das Thema gründlich durchleuchtet.

Herr Walschburger, woher kommt dieser Gefühlsüberschwang im Frühling?

Ein äußerer Auslöser ist ganz klar das Sonnenlicht, das jetzt von Tag zu Tag mehr wird. Dadurch wird die Produktion des Hormons Serotonin angekurbelt, was dazu führt, dass man sich besonders wach und vital fühlt. Diese Beziehung zwischen Stimmung und Naturphänomen ist Millionen Jahre alt – unsere Vorfahren waren darauf getrimmt, bei Dunkelheit Sicherheit und Ruhe zu suchen und bei Tageslicht aktiv zu werden und zu jagen oder zu fischen.

Wie hat sich das bis in unsere hochzivilisierte Welt gehalten?

Der Mensch hat innere Uhren entwickelt, die genetisch verankert sind. Das haben Versuche in Bunkern ergeben, wo die Probanden vollkommen ohne Licht und zeitlichen Anhaltspunkt ihrem natürlichen Wach-Schlaf-Rhythmus folgen sollten. Es zeigte sich, dass sie ziemlich exakt einem 25-Stunden-Zyklus folgten.

Und unter Einwirkung von Sonnenlicht verändert sich das?

Ja, das Licht ist ein sehr stabiler Taktgeber. Spezielle Rezeptoren in den Augen nehmen den Reiz auf und leiten ihn weiter an Zellkerne im Gehirn, die wiederum die Hormonkreise stimulieren. Unterschiedliche Lichtarten wirken sich dabei auch unterschiedlich aus – warmes, rötliches Licht suggeriert „Abendsonne“ und wirkt eher beruhigend, kaltes, weißes Licht aktiviert eher. Darum sollte, wer unter Einschlafschwierigkeiten leidet, abends auch grelles Licht wie etwa das von Handy- oder Computerdisplays möglichst meiden.

Könnte man also gehobene Gefühle künstlich hervorrufen durch Einwirkung von Licht?

Theoretisch ja, aber nur in bestimmten Grenzen. Diese Methode wird beispielsweise bei der Behandlung bestimmter Formen von Depression angewendet. Ich rate aber davon ab, sich zu Hause eine Tageslichtlampe als Stimmungsaufheller hinzustellen – eine Lichttherapie sollte schon unter ärztlicher Aufsicht stattfinden.

Vitalität ist die eine Sache – aber woher kommt im Frühjahr diese gesteigerte Bereitschaft, zu flirten und sich zu verlieben?

Es ist im Grunde eine sich verstärkende Wechselwirkung mehrerer Faktoren. Zu den bereits erwähnten hormonellen Umständen kommt die aufblühende Natur, die Lebendigkeit und Optimismus ausstrahlt. Und durch das wärmere Wetter ist man wieder mehr draußen unterwegs und sieht leichter bekleidete Menschen, was zusätzlich stimulierend auf den Hormonhaushalt wirkt.

Das alles klingt ein bisschen so, als sei Verliebtheit oder Liebe im Grunde ein rein chemischer Vorgang. Keine gute Nachricht für Romantiker ...

So einfach ist es auch nicht. Zwar spielen die Hormone eine wichtige Rolle, ohne sie hätte die Menschheit wohl so wenig Neigung zur Fortpflanzung gehabt, dass sie womöglich ausgestorben wäre. Aber das Gefühl der Liebe, die magische Transformation des Erlebens durch sie, wie es Jean-Paul Sartre so treffend genannt hat, ist keine Illusion, und es ist mindestens genauso wichtig. Die Hormone liefern allenfalls eine Grunddisposition, mit Bedeutung wird die Liebe aber erst durch den denkenden Menschen gefüllt, der eine Vergangenheit und eine Zukunft und vor allem eine sehr mächtige Fantasie hat.

Wie lange dauert diese Phase?

Wissenschaftlich gesehen läuft die Liebe in drei Stufen ab. Zuerst kommt die fast schon psychotisch zu nennende Phase der leidenschaftlichen Verliebtheit, in der nicht nur die Sexualhormone, sondern auch andere Botenstoffe wie Noradrenalin und Dopamin ausgeschüttet werden und der Serotoninstoffwechsel verändert ist. Man steht quasi unter Dauerstrom, verspürt enorme Leidenschaft für den neuen Partner und sieht nur seine guten Seiten. Das dauert aber meist bloß ein paar Wochen und wird abgelöst durch die Phase, in der man sich vor allem an das geliebte Wesen binden möchte. Auch dabei spielen Hormone eine Rolle: Oxytozin etwa gilt als vertrauensförderndes, Bindung stiftendes Hormon. Wenig später schrumpft aber der oder die Vergötterte wieder auf Normalmaß. Jetzt lässt nämlich die Hormonunterstützung nach – wenn die Beziehung dann weitergeführt werden soll, muss die Ratio ran.

Wollen Sie damit sagen, nach ein paar Monaten ist auch die größte Liebe im Grunde nur noch reine Vernunftsache?

Tja – die Evolution hat wohl keine jahrzehntelangen Partnerschaften begünstigt. Wenn der Nachwuchs aus dem Gröbsten raus war, also nach rund vier Jahren, hatten unsere Vorfahren keinen zwingenden Grund mehr, zusammenzubleiben. Der Mensch gehört zu den Tierarten, die sowohl monogam als auch promiskuitiv leben können – und die Partnerwahl als reines Ergebnis einer bewussten Liebesentscheidung hat sich ohnehin erst seit der Romantik als gesellschaftliches Modell etablieren können.

Aber wie schafft man es denn dann, eine Beziehung länger als vier Jahre am Leben zu halten?

Das schaffen Paare, die das Wechselspiel zwischen Nähe und Fremdsein beherrschen. Für Leidenschaft im sexuellen Sinne ist der Reiz des Fremden, Überraschenden wichtig, für das Zusammensein hingegen Geborgenheit beim vertrauten Partner. Wenn es gelingt, beides zu kultivieren, kann so eine Liebe jahrzehntelang halten.

Interview: Stefanie Gollasch

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