Diskussion

Wer liegt wirklich im Leibniz-Grab?

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Foto: Ist er es? Der Abguss soll von Leibniz' Schädel stammen.

Hannover - Mit Leibniz identifiziert man sich in Hannover – besonders in der Neustädter Hof- und Stadtkirche. Dort sind die Gebeine des Gelehrten beigesetzt, eine Steinplatte mit der Inschrift „Ossa Leibnitii“ (Leibniz’ Gebeine) kennzeichnet seine Grabstätte. Jedenfalls vermutlich. Denn wem die Knochen in dem Grab gehören, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Anlässlich der Leibniz-Festtage widmete man sich in der Hof- und Stadtkirche jetzt auch der Frage nach der Identität der Knochen. Ein erst vor Kurzem aufgetauchter Gipsabdruck des Totenkopfs wurde präsentiert, in einer Gesprächsrunde mit Leibniz-Experten und Historikern diskutierte man über die Echtheit der Schädelreplik.

Der Gipsabguss war ein Zufallsfund. Der Antiquar Thomas Mielke stieß vor einigen Jahren auf den Abdruck in der Sammlung einer älteren Dame, die beteuerte, dass es sich um eine Replik des Schädels von Leibniz handele – ein entsprechender Nachweis sei allerdings abhandengekommen. Der Abguss stamme wahrscheinlich aus den vierziger Jahren, als Nationalsozialisten das Grab Leibniz’ öffneten und mehrere Gipskopien des Schädels anfertigten, um, für den Fall der Zerstörung des Skeletts durch Bombenangriffe, wenigstens Repliken zu sichern. Mielke stellte der Kirche den Abguss für die Festtage zur Verfügung.

Viele Fragen um die Überreste des Wissenschaftlers sind ungeklärt. Sicher ist, dass Leibniz 1716 in der Kirche bestattet wurde, sein Grab blieb aber lange Zeit unbeschriftet und geriet im Laufe der Zeit wohl in Vergessenheit. Erst als das Interesse an Leibniz wuchs, präsentierte die Kirche plötzlich einen Lageplan, das entsprechende Verzeichnis der Gräber blieb aber verschollen. Zuvor war der Sarg außerdem mehrmals verlegt worden. Handelt es sich also wirklich um Leibniz’ Grab? Berechtigte Zweifel bleiben.

1902 fand die erste dokumentierte Öffnung des Grabes statt, bei der man ebenfalls Gipsabdrücke der Skelettteile herstellte. Der Anatom Wilhelm Krause untersuchte die Gebeine und ordnete sie nach Abgleich mit der Krankheitsgeschichte Leibniz’ eindeutig dem Gelehrten zu.

Für den Schriftsteller und Leibniz-Experten Eike Christian Hirsch ist das aber noch kein ausreichender Beweis. Die Aufzeichnung der Graböffnung weckte bei ihm Zweifel an der Echtheit der Knochen: Das Grab schien schon vorher geöffnet worden zu sein, der Grabschmuck aus Zinn fehlte. Leibniz soll in einem Tannensarg beerdigt worden sein, der geöffnete Sarg bestand jedoch aus Eichenholz, erklärt Hirsch in der Podiumsdiskussion der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

Auch Reinhard Pabst, Anatom der MHH, hadert mit der vermeintlichen Echtheit des Schädels. Die Gipsreplik sei zu ungenau, es gebe keine Auskunft über die individuelle Beschaffenheit des Schädels, lediglich grobe Maße könne man mit dem Abguss abgleichen. Pabst plädiert für eine erneute Graböffnung: Mit modernen Methoden, möglicherweise sogar mit einem DNA-Test, könne man eine bessere Ausgangslage für weitere Forschungen schaffen. Schon 1992 öffnete man die mutmaßliche Grabstätte und fotografierte den Schädel. Die Bilder seien aber von Laien gemacht und so leider wenig aussagekräftig, sagt Pabst.

Ob es zu einer erneuten Öffnung kommt, ist jedoch fraglich. Pastorin Martina Trauschke spricht sich eher für eine intensivere Analyse der Quellen aus. Sollte die Graböffnung dennoch notwendig werden, müsse der Vorstand der Kirche darüber abstimmen. So genau will man es dann aber vielleicht doch nicht wissen. Renate Mauritz vom Kirchenvorstand würde im Zweifelsfall gegen die Öffnung stimmen, sagt sie nach der Diskussion im Leibniz-Saal. Denn die Möglichkeit besteht, dass es sich im Grab nicht um die Knochen des Philosophen handelt. „Das wäre ein herber Schlag für uns.“

Frieda Fielers

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