Schatz oder Scherz?

Madagaskars Piratensilber gibt Rätsel auf

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Brandon Clifford, Barry Clifford und Chris Macort (von links) kommen mit einem Silberbarren in Händen ans Ufer.

Sainte Marie - Mit großem Brimborium wird ein 50 Kilo schwerer Silberbarren vor Madagaskar gehoben. Der berüchtigte Pirat William Kidd soll ihn einst erbeutet haben. Heldenhaft wird das Team um den Forscher Barry Clifford gefeiert. Aber Experten haben Zweifel an der Echtheit des Fundes.

Es ist der Stoff, aus dem Indiana-Jones-Filme gemacht sind: Tollkühne Unterwasserforscher tauchen zu einem Schiffswrack vor der Tropeninsel Madagaskar und heben einen Silberschatz, der seit 300 Jahren als verschollen galt. Handelt es sich wirklich um einen legendären Schatz oderum einen geschickt eingefädelten Schwindel?

„Uns erstaunt, dass das in Sainte Marie gefundene Silber offenbar genau im richtigen Moment entdeckt wurde“, sagt Ulrike Guerin von der UN-Kulturorganisation Unesco. Schließlich wurden Cliffords Tauchgänge zum mutmaßlichen Wrack des Dreimasters „Adventure Galley“, mit dem Kidd (1645-1701) drei Jahre lang als Seeräuber unterwegs war, vom Sender History Channel finanziert und eine Serie über das Abenteuer von der britischen Gesellschaft October Films produziert.

Das Team habe nicht alle nötigen Genehmigungen für die Expedition gehabt, sagt Guerin. Ihr Kollege Alfredo Perez de Arminan, der stellvertretende Generaldirektor der UNESCO für Kultur,äußert sich „sehr besorgt über die Situation auf Madagaskar“. Die Suche in derartigen Wracks müsse detailliert dokumentiert werden, was aber hier nicht der Fall gewesen sei. Guerin ist zudem überzeugt, dass Captain Kidd und seine Crew alle Schätze in Sicherheit gebracht hatten, bevor das arg mitgenommene, leckeSchiff 1698 in Brand gesteckt und versenkt wurde.

Das sind schwere Vorwürfe gegen Clifford und sein Team. October Films spricht von möglicher Verleumdung. „Die gesamte Expedition wurde von Experten des madagassischen Kulturministeriums beobachtet, und alle Funde werden der Regierung ausgehändigt“, betonte ein Sprecher der Gesellschaft in einer E-Mail an die Deutsche Presse-Agentur. Das Team habe langjährige Erfahrung bei der Identifizierung und Hebung historischer Artefakte und sei von einem international respektierten Unterwasserarchäologen überwacht worden. „Jede Andeutung, dassder Fund irgendwie inszeniert worden ist, ist nicht nur lächerlich, sondern kommt einer Verleumdung gleich.“

Dennoch: Selbst das Kultusministerium in der Hauptstadt Antananarivo hat Zweifel - und Clifford steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. In der Szene der Unterwasser-Archäologen ist er kein Unbekannter. Der 1945 auf der Halbinsel Cape Cod an der US-Ostküste geborene Taucher studierte Geschichte und Soziologie in Colorado und Massachusetts. Seit den 70er Jahren begibt er sich regelmäßig und häufig mit Unterstützung von Fernsehsendern auf lange und aufwendige Unterwasser-Expeditionen. Schon oft haben seine Entdeckungen Schlagzeilen gemacht - fast immer waren diese Funde allerdings genauso spektakulär wie umstritten.

So verkündete Clifford im vergangenen Jahr, das Wrack der „Santa María“ vor Haiti gefunden zu haben - das legendäre und mehr als 500 Jahre verschollene Flaggschiff des Seefahrers Christoph Kolumbus, mit dem dieser an Weihnachten 1492 kenterte. Mit großer Energie verteidigte der drahtige Mann seinen Fund. Trotzdem bezweifeln zahlreiche Experten, dass es sich bei dem Wrack um die „Santa María“ handelt und auch ein Unesco-Bericht widerlegte Cliffords Version.

„Die Situation war nahezu identisch“, betont Unesco-Expertin Guerin. „Er findet mit großem Klamauk etwas Spektakuläres (die falsche Santa Maria) und setzt das Kultusministerium unter Druck, ihm unwissenschaftlich geführte Grabungen zu erlauben.“ Nachdem die Unesco ihm in kürzester Zeit nachgewiesen habe, dass seine „Santa Maria“ in Wahrheit ein relativ modernes Boot ist, habe er sich nun nach Madagaskar gewandt.

Die Unesco will in den nächsten Wochen eine Mission auf die ostafrikanische Insel schicken, um sich den Silberbarren genauer anzuschauen. „Alles ist im Moment nur eine Hypothese und bedarf der Überprüfung“, sagt Guerin.

dpa

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