Berliner Kinderärzte warnen

Masern-Welle: Eltern sollen Babys zu Hause lassen

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Foto: Bis etwa Mitte 2015 soll nach Angaben einer Sprecherin ein zentrales Impfen für Flüchtlinge ermöglicht werden.

Berlin - Die Masern-Welle in Berlin ebbt nicht ab. Kinderärzte schlagen Alarm: Sie raten Eltern von Säuglingen, ihre Kinder nur zu Hause zu betreuen. Grund ist das Risiko einer tödlichen Spätfolge von Masern. Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission meint, man solle das Risiko nicht überbewerten.

Es sind die tragischen Todesfälle, die Deutschlands Kinderärzte bei der Masern-Welle in Berlin zu ungewohnten Mitteln greifen lassen: „Wir raten Eltern davon ab, mit Säuglingen in Berlin in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Sprecher Sean Monks am Freitag. Die Ansteckungsgefahr sei im Moment zu groß. Wenn es auch sehr selten vorkomme, drohe vor allem Babys bei einer Masern-Infektion eine tödliche Spätfolge. Panikmache? Man solle das Risiko nicht überbewerten, beschwichtigt Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. Aber: „Wenn man auf Nummer sicher gehen will, bleibt man in Berlin mit einem Säugling zurzeit besser zu Hause.“

652 Menschen angesteckt

In der Hauptstadt rollt die größte Masern-Welle seit dem Start des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2001 weiter. Seit die Infektion im Oktober in einem Flüchtlingsheim ausbrach, haben sich mit dem Stand von Freitag nachweislich 652 Menschen angesteckt, Kinder wie Erwachsene. Rund 90 Prozent von ihnen waren nicht geimpft - und ein gutes Viertel kam wegen der Schwere der Infektion ins Krankenhaus. Zurzeit gibt es in der Hauptstadt mehr als 80 registrierte neue Fälle pro Woche. Ein nicht geimpftes Kleinkind ist bereits an Masern gestorben. Die Gesundheitsverwaltung hat alle Berliner aufgerufen, ihren Impfschutz zu überprüfen und fehlende Immunisierungen nachzuholen. Bis zum Sommer soll es auch eine zentrale Impfstelle für Flüchtlinge geben - neben bestehenden Angeboten.

Für Babys besonders bedrohlich

Was den Kinderärzten so große Sorge bereitet, sind die 54 Babys unter einem Jahr, die in Berlin seit Oktober an Masern erkrankt sind. Denn es gibt eine tödliche Spätfolge der Krankheit, die chronische Masern-Gehirnhautentzündung (Subakute Sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE). Dabei überwinden die Masern-Viren die Blut-Hirn-Schranke im Körper, vor allem bei sehr kleinen Kindern. Sie vermehren sich dann im Gehirn und zerstören Nervenzellen. Bei einem Kind verläuft die Entwicklung dann rückwärts: Er verlernt zum Beispiel wieder zu sprechen, die Motorik bildet sich zurück. „SSPEtritt oft erst Jahre nach einer überstandenen Masern-Erkrankung auf und verläuft leider immer tödlich“, sagt Jakob Maske, Sprecher des Berliner Berufsverbandes der Kinderärzte. „Es gibt keine Therapie.“

Zwar kommen pro Jahr in Deutschland nur zwei bis sechs SSPE-Fälle vor. In Hessen ist die fünfjährige Aliana wegen der Masern-Spätfolge todkrank. Ihr Vater appellierte am Freitag eindringlich, sich gegen Masern impfen zu lassen. „Es ist unverständlich, warum die Leute nicht wach werden“, sagte er. Denn SSPE bei Kindern wäre vermeidbar gewesen - ohne Masern. Darin liegt die Tragik.

Beim Berufsverband klingelte in diesen Tagen das Telefon. Ein verzweifelter Vater sagte, dass sein vier Monate altes Baby die Masern hatte. Ob es jetzt auch SSPE bekomme? Dafür gibt es einen Test: die Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit. Fänden sich dort Masern-Viren, sei das Schicksal des Kindes besiegelt, sagt Monks. Er fragte den Vater: „Wollen sie dieses Ergebnis wirklich wissen?“

„Die Häufigkeit von SSPE ist lange unterschätzt worden“, sagte Leidel für die Ständige Impfkommission. Früher sei man von einem Fall auf zwei Millionen ausgegangen. Studien aus den USA hätten aber gezeigt, dass der Risikofaktor bei 1 zu 1000 bis 3000 liege. „Das ist nicht harmlos, aber auch kein Grund zur Panik“, sagte Leidel. Die Pocken hätten früher Todesfallraten von 30 bis 40 Prozent gehabt. Diese Krankheit wurde in Deutschland durch eine Impfpflicht ausgerottet.

Immunisierung während der Schwangerschaft nicht möglich

Die Ausrottung der Masern war zuletzt für 2015 geplant. Wenn die Impfquoten bei Kindern auch immer besser geworden sind, so gibt es doch weiter Lücken. Bei Erwachsenen sind die Quoten in einigen Altersgruppen sogar schlechter. Und für Säuglinge ist das Masern-Risiko deutlich höher, wenn ihre Mütter nicht geimpft sind. Dann gibt es keinen Nestschutz für die ersten Monate, bei dem die Immunisierung der Mutter auch für das Kind wirkt. Während der Schwangerschaft könne die Immunisierung auch nicht mehr nachgeholt werden, sagt Leidel. „Bei einem Lebendimpfstoff geht das nicht.“

Doch auch mit geimpfter Mutter hat ein Säugling circa vom fünften bis neunten Monat, dem frühesten Zeitpunkt, für den die Masernimpfung zugelassen ist, kaum Schutz. Daher kommt auch der Rat der Kinderärzte, Babys in Berlin zurzeit möglichst zu isolieren. Der einzige Schutz, den es gibt, wäre eine passive Impfung mit Immunglobulinen - Antigenen aus Spenderblut. „Das hält aber maximal ein paar Wochen“, sagt Leidel. Sei ein Säugling bereits erkrankt, helfe gar nichts mehr gegen Masern. Trotz dieser Lage hält Leidel - wie viele Bundespolitiker - eine Impfpflicht für Masern für den falschen Weg. „Erwägenswert wäre aber der Nachweis einer Impfung, bevor ein Kind in die Kita oder Schule kommt“, sagt er. Diesen indirekten Druck fordern auch Deutschlands Kinderärzte, um unnötige Ansteckungen zu vermeiden. In Berlin wurden im Februar wegen Masern bereits zwei Schulen kurzzeitig geschlossen.

Das Anstreckungsrisiko gilt in der Hauptstadt zurzeit aber auch für Kinderarztpraxen. Mediziner sind zwar gehalten, kleine Masern-Patienten in gesonderten Zimmern zu behandeln. Doch nicht immer ist die Infektion mit den markanten roten Hautpusteln schon zu sehen. In Berlin haben Eltern von Säuglingen bereits gesonderte Termine außerhalb der regulären Sprechstunden mit ihren vollen Wartezimmern verlangt. Monks findet diese Lösung sinnvoll.

Und noch eines könnte langfristig helfen, sagt er. Wenn Kleinkinder die reguläre Masern-Impfung bekommen, sollten nicht geschützte Eltern gleich mit immunisiert werden. Doch das könnten Kinderärzte nicht, weil sie Patienten über 18 Jahre nicht behandeln dürften. Monks: „Diese Regelung halten wir bei Masern für falsch. Kinderimpfungen sind der einfachste Weg, um auch Eltern zu überzeugen.“

dpa

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