Altersarmut

Am 10. des Monats pleite

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Wenn das Geld knapp wird: Immer mehr Senioren müssen schauen, wie sie über die Runden kommen.

Hannover - Altersarmut ist ein wachsendes Problem: Zwei hannoversche Seniorinnen erzählen, was es heißt, mit wenig Geld zu leben. Die Grundsicherung kann in schwierigen finanziellen Lagen helfen.

Marianne Kröger* versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten. Die 72-Jährige schminkt sich dezent wie immer, sie ist gut frisiert und unauffällig, aber geschmackvoll gekleidet. Dass sie Grundsicherung bezieht, wissen nur engste Familienmitglieder und eine Freundin, die in einer ähnlich schwierigen finanziellen Lage steckt wie sie selbst. Aber langjährige Bekannte? „Bloß nicht, das geht niemanden etwa an“, sagt sie bestimmt.

Marianne Kröger gehört zu einer schnell wachsenden Bevölkerungsgruppe: Laut aktuellem Sozialbericht der Landeshauptstadt bezog Ende 2011 jeder zwölfte Hannoveraner der Altersgruppe 60 plus Transferleistungen, überwiegend Grundsicherung im Alter (Regelsatz: 382 Euro plus Übernahme der Warmmiete). Das waren 10 300 Menschen, 2332 mehr als noch 2006, was einem Zuwachs von 29,1 Prozent entspricht. Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände warnen seit Jahren vor wachsender Altersarmut. Sie haben vor allem die heutigen prekär Beschäftigten im Blick, die ihre miserablen Löhne durch staatliche Leistungen aufstocken müssen, weil der Lohn nicht zum Leben reicht. „Die armen Erwerbstätigen von heute sind die armen Rentner von morgen“, sagt Hannovers Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Gleichzeitig beobachtet die Diakonie in Niedersachsen, dass neben Alleinerziehenden, Arbeitslosen und Migranten immer mehr Ältere in die kirchlichen Beratungsstellen kommen: Ihre Rente reicht oft nicht mehr, um über die Runden zu kommen. Vor allem dann nicht, wenn eine neue Brille oder Zahnersatz fällig werden oder die Waschmaschine ihren Geist aufgibt.

Das Konto mit dem Ersparten war da längst aufgebraucht

Für Kröger kam der große Schock mit dem ersten Rentenbescheid. Jahrelang hatten sie und ihr Mann, ein selbstständiger Kaufmann, freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Doch erst liefen die Geschäfte nicht mehr, dann wurde ihr Mann krank, und als er vor fünf Jahren starb, blieb Kröger inklusive Witwenrente ein Altersruhegeld von 840 Euro. Das Konto mit dem Ersparten war da längst aufgebraucht. Damals lebte sie noch in einer schönen Fünf-Zimmer-Wohnung. „Ich habe mir sofort eine kleine Wohnung gesucht und alles verkauft, was ich zu Geld machen konnte, um überhaupt den Umzug bezahlen zu können“, erzählt die 72-Jährige. Seitdem rechnet sie mit jedem Cent.

Heute bleiben ihr, wenn alles gut läuft, abzüglich aller Kosten monatlich 200 Euro zum Leben. Für Lebensmittel, Kleidung, Medikamente, Fahrkarten, überhaupt alles. „Ich hatte das Glück, dass mir eine Sachbearbeiterin der Stadt gut zugeredet hat, Grundsicherung im Alter in Anspruch zu nehmen“, sagt die Seniorin. Dadurch sei sie wenigstens von der GEZ-Gebühr befreit und könne den Hannover-Aktiv-Pass in Anspruch nehmen. „Das ist das einzig Gute an meiner Situation. Ich kann in der Stadtbibliothek kostenlos Bücher ausleihen. Ich lese leidenschaftlich gern.“

Ihrer Freundin, Karin Ulmen*, geht es finanziell kaum anders. Sie lehnt Grundsicherung für sich aber ab. „Ich hätte Anspruch darauf, aber als ich sie beantragen wollte, habe ich mich gefühlt wie eine Bittstellerin“, erzählt die 64-Jährige, die inklusive Wohngeld knapp 850 Euro monatlich zur Verfügung hat. Die Warmmiete beträgt allein 442 Euro. „Für die Grundsicherung hätte ich mich nackig machen müssen, außerdem liegt meine Wohnung ein paar Euro über dem Regelsatz.“ Und als Wohngeldempfängerin komme sie ab Herbst ebenfalls in den Genuss des Hannover-Aktiv-Passes. Nur dass sie nicht von der monatlichen GEZ-Gebühr (17,98 Euro) befreit werde, das ärgert sie.

Aufgrund einer chronischen Erkrankung lebt sie schon seit mehr als zehn Jahren von Erwerbsunfähigkeitsrente, von der sie findet, dass man davon immer weniger existieren könne, schon gar nicht als alleinstehender Mensch. „Die Preise steigen ständig, und die Rente verliert an Wert.“

Sobald das monatliche Geld auf ihrem Konto eingegangen ist, kauft sie ein, vor allem Lebensmittel. „Am 10. jedes Monats bin ich pleite“, erzählt Ulmen. Und dann? „Dann muss ich sehr diszipliniert sein“, lautet ihr knapper Kommentar. „Dann habe ich noch 37 Cent auf dem Konto und darf mich nicht mehr dem hinteren Teil der Passerelle nähern, weil es dort überall nach Essen riecht.“

Luxus Rinderrroulade

Zu dem wenigen Luxus, den sich die Mutter einer erwachsenen Tochter leistet, gehört eine wöchentliche Turnstunde zu jeweils 5 Euro. Oder mal eine Rinderroulade. Außerdem versucht sie, monatlich 10 Euro beiseitezulegen, um sich wenigstens einmal im Jahr ein paar Schuhe für 50 Euro kaufen zu können. „Die für 29,95 Euro halten höchstens eine Saison.“ Aber meistens müsse sie schon nach zwei, drei Monaten wieder an das mühsam Ersparte, weil es vorn und hinten nicht reicht.

An der Politik lässt sie kaum ein gutes Haar. „Die von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagene Lebensleistungsrente von 850 Euro ist doch ein Witz“, schimpft Karin Ulmen. Mit 1100 Euro, da käme sie gut über die Runden. Alles andere sei indiskutabel. Dennoch bezeichnet sie sich und ihre Freundin Marianne Kröger als Lebenskünstlerinnen. „Wir halten die Fassade aufrecht“, sagt sie wacker und meint, niemand solle ihnen ansehen, dass sie arm seien. Gemeinsam besuchen sie kostenlose Musik- und Kinoveranstaltungen des kommunalen Seniorenservice, sie arbeiten ehrenamtlich beim Partnerbesuchsdienst der Diakonie, und dringend notwendige Garderobe wird im Versandhandel gekauft. „Da kann man wenigstens kleinste Raten vereinbaren“, sagt Kröger. Dass sie sich manche Monate noch nicht einmal ihre Medikamente aus der Apotheke holen kann, weil das Geld nicht für die Rezeptgebühr reicht, steht auf einem anderen Blatt.

Wenn sie sich mit ihren Nachbarn und Freunden von früher trifft, mit denen sie damals viel unternommen hatte, als es ihr und ihrem Mann noch gut ging und die Geschäfte gut liefen, lässt sie sich nichts anmerken und verliert erst recht kein Wort über ihren sozialen Abstieg. „Zum Glück werde ich immer eingeladen.“ Die Hannöversche Tafel aber, wo sie wenigstens zweimal monatlich kostenlos Lebensmittel beziehen könnte, meidet sie aus Angst, dort jemanden zu treffen, der sie kennt. „Das Schlimme an meiner Situation ist, dass sich in meinem Alter nichts mehr zum Positiven ändern wird“, meint die 72-Jährige. Noch bis vor ein paar Jahren hätte sie sich nicht vorstellen können, finanziell einmal so abzustürzen. „So ein Abstieg geht ganz schnell, allein durch Krankheit.“

* Namen von der Redaktion geändert

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