Mythos demontiert

Neue Erkenntnisse zu Napoleons Russlandfeldzug

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Foto: Mitglieder eines Historienvereins stellen im September 2010 die Schlacht von Borodino nach.

Paris - Napoleons Feldzug in Russland war ein militärisches Debakel. Noch 200 Jahre nach der Tragödie schreiben Historiker ihre Geschichte neu und stellen so manchen Mythos infrage.

Eine Million Tote für ein Einschüchterungsmanöver: „Meine militärischen Vorbereitungen werden bewirken, dass Eure Majestät seine eigenen verstärken; und wenn die Nachrichten solcher Handlungen mich erreichen, werde ich mich gezwungen sehen, weitere Truppen aufzustellen: und all das wegen nichts!“ schrieb Napoleon in einem Brief an den Zaren Alexander I. Aus dem Russlandfeldzug, in den sich zwei „großspurige Maulhelden manövriert“ hatten, wie Napoleon weiter gestand, ist eines der größten militärischen Debakel der Weltgeschichte geworden. Vor 200 Jahren, am 24. Juni 1812, begann Napoleon seinen verhängnisvollen Russlandfeldzug, dessen Geschichte in den vergangenen Monaten in zahlreichen Büchern wieder neu geschrieben wurde.

Im Dezember 1812 endete Napoleons „Campagne de Russie“ mit dem Untergang der „Grande Armée“, des größten Truppeneinsatzes, den die Welt bis dahin gesehen hatte. Von mehreren Hunderttausend Soldaten aus rund 20 Nationen kehrten nur wenige Tausend zurück. Der Rest: erschossen, an Typhus erkrankt, erfroren, verhungert. In der vor drei Monaten erschienenen „L'Effroyable tragédie. Une nouvelle histoire de la campagne de Russie“ (Die schreckliche Tragödie. Eine neue Geschichte des Russlandfeldzugs“) erzählt Marie-Pierre Rey den Krieg aus der Perspektive dieser Protagonisten: Generäle, einfache Soldaten und Zivilisten.

Die Historikerin unterrichtet an der Pariser Sorbonne russische und sowjetische Geschichte und ist Leiterin des Instituts für slawische Geschichte. „Der Russlandfeldzug wird meist unter militärischen Aspekten analysiert. Viele Werke widmen sich nur dem Schicksal der großen Namen Napoleon, Murat, Kutusow oder Bagration“. In Russland ist der russische Feldherr von Borodino – Fürst Michail Kutusow – auch heute noch ein Held, nach dem in allen Städten große Straßen benannt sind. In Moskau ist dies der Kutusowski Prospekt, über den Kremlchef Wladimir Putin täglich von seiner Residenz in den Kreml rast. Und Kutusows wohl talentiertester General Pjotr Bagration, der in Borodino tödlich verwundet wurde, hat einer Fußgängerbrücke im modernen Viertel Moskwa City seinen Namen gegeben.

Rey schreibt eine „Biografie“ des Russlandfeldzugs und räumt auf den fast 400 Seiten räumt auch mit einigen Mythen auf. „Der Rückzug der Russen war kein Zufall und auch kein den Umständen zuzuschreibendes Ergebnis, sondern eine vom Kriegsministerium und dem Führungsstab entwickelte Strategie“, erklärte Rey in einem Interview mit der Online-Fachzeitschrift „Napoleonica. La revue“. Alexander I. sei nicht die von Tolstoi beschriebene unentschlossene und unscheinbare Person gewesen.

Auch der leidvolle langsame Rückzug der Franzosen sei nicht dem eiskalten russischen Winter zuzuschreiben: Quellen bestätigten, dass die Große Armee bereits vor dem Wintereinbruch mehr als ein Drittel ihrer Soldaten verloren habe. Sie waren an Unterernährung und Krankheit gestorben. Reys Thesen beruhen auf Zeitzeugen, die in Hunderten von Tagebüchern, Briefen und Depeschen den Daheimgebliebenen von ihrem Kriegsalltag und ihrem Leid berichteten.

Der Frage, wie und weshalb Russland Napoleon besiegen konnte, geht der Londoner Historiker Dominic Lieven in seinem Buch „Russland gegen Napoleon. Die Schlacht um Europa“ (Oktober 2011) nach. Dabei kommt der Experte für russische Geschichte zum selben Ergebnis wie Rey: Russlands Rückzug war geplant und reiflich überlegt. Alexander und sein Kriegsminister Barclay de Tolly hätten bewusst einen Krieg geführt, den der Gegner so nicht wollte. Ihre Strategie, „Napoleons Streitmacht zu zermürben“, wie Lieven schreibt, sei aufgegangen.

Rey und Lieven stellen damit einiges anders dar als Adam Zamoyski in seinem im Februar 2012 erschienen Buch „1812, Napoleons Feldzug in Russland“. In dem Bestseller beleuchtet der Historiker umfassend und spannend den Kriegsalltag, aber auch die erstaunliche Aufgabe Moskaus. Das Ergebnis: Unverzeihliche Fehler und Versäumnisse auf beiden Seiten. Für den britischen Fachmann war der kampflose Rückzug der Russen keineswegs strategische Planung, sondern vielmehr das Ergebnis schlechter Vorbereitungen der Russen. Er unternimmt eine völlige Demontage dieses Mythos und unterstellt dem vielfach verklärten General Kutusow statt Kriegstaktik einfach Ratlosigkeit und Fehlentscheidungen. Die Frage, wer von diesen Experten der Wahrheit am nächsten ist, wird die Fachwelt noch über den 200. Gedenktag hinaus beschäftigen. Interessanter Lesestoff sind jedoch alle drei Bücher.

In Russland steht der „Vaterländische Krieg“ weit im Schatten des Sieges über Nazi-Deutschland, der alljährlich mit einer gigantischen Militärparade auf dem berühmten Roten Platz gefeiert wird. Von Bedeutung beim Napoleon-Feldzug ist weniger das Angriffsdatum, sondern eines der blutigsten Gemetzel: Die Schlacht von Borodino am 7. September 1812. Für dieses Jahr ist ein großes Historienspektakel geplant. Zahlreiche Freiwillige wollen die Schlacht nachspielen, so wie es in den USA mit den Kämpfen aus dem Bürgerkrieg schon lange der Fall ist.

dpa

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