Studie Vermögensungleichheit

Reich, reicher, Deutschland

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Foto: Deutschland hat schon einiges im Portemonnaie. Das zeigt eine Studie.

Berlin - Hierzulande wird immer mehr Vermögen erwirtschaftet – doch es verteilt sich immer ungleichmäßiger, wie eine neue Studie belegt. Andere Euro-Länder haben bessere Werte.

Stattliche 6,3 Billionen Euro Vermögen haben die Deutschen angehäuft; acht Prozent mehr als 2002 – aber in keinem anderen Land der Euro-Zone ist der Reichtum so ungleich verteilt wie hierzulande. Das ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Demnach hat ein Drittel der Bevölkerung Schulden, spürbar mehr als 2002. Besonders der Anteil von Männern und Frauen mit Konsumentenkrediten ist gewachsen, von zwölf auf 16 Prozent. Fast zwei Drittel der Arbeitslosen hatten wegen der Hartz-IV-Reformen 2012 kein Vermögen mehr oder sogar Schulden. Das sei problematisch, gerade für die Altersvorsorge, so DIW-Forscher Markus Grabka.

Die Forscher haben für ihre Studie auf bereits vorhandene Daten zurückgegriffen. 2012 wurden beim DIW in einer Stichprobe 20 000 bis 25 000 erwachsene Personen zu privatem Vermögen befragt. Anwartschaften bei der Rentenversicherung wurden nicht berücksichtigt.

Wer zum obersten einen Prozent der Bevölkerung gehörte, hatte 800.000 Euro oder mehr angesammelt. Während das Vermögen bei den oberen Einkommensgruppen im letzten Jahrzehnt zulegte, stagnierte es im unteren Drittel. Fast ein Drittel der Erwachsenen hatte 2012 kein Vermögen, bei sieben Prozent waren die Schulden sogar größer als der Besitz.

An der Verteilung insgesamt hat sich gegenüber den vorherigen Stichproben 2002 und 2007 nur wenig verändert. Der Gini-Koeffizient, der auf einer Skala von null (absolute Vermögensgleichheit) bis eins (absolute Vermögensungleichheit), die Verteilung bemisst, verharrt bei 0,78. In kaum einem Land Europas ist dabei die Ungleichheit so hoch wie in Deutschland. Nur Österreich weist vergleichbare Werte auf. In Frankreich geht es mit einem Wert von 0,68 egalitärer zu, Italien liegt bei 0,61, die Slowakei bei 0,45. Die erstaunlich guten Werte für die Euro-Krisenstaaten am Mittelmeer resultieren laut Grabka aus dem hohen Anteil von Immobilienbesitzern dort: „In Deutschland leben etwa 40 Prozent der Bevölkerung in der eigenen Immobilie; in Südeuropa werden Werte bis zu 80 Prozent erreicht.“ Außerdem, so Grabka, sage der Verteilungsindex nichts über die Vermögenshöhe aus. Im Klartext: Sind alle Menschen eines Landes arm, herrscht ideale Vermögensgleichheit. Und: Laut DIW stammen die meisten Daten, anhand derer der Gini-Koeffizient ermittelt wurde, aus der Zeit vor Ausbruch der Euro-Schuldenkrise. Aktuelle Daten gibt es nicht; die Länderdaten könnten aber mittlerweile anders aussehen.

In Deutschland sind Ostdeutsche im Schnitt ärmer als Westdeutsche, Frauen haben weniger Vermögen als Männer. Bis zur Rente häufen Westdeutsche mehr Vermögen an, etwa in Form eines selbst genutzten Eigenheims oder von Versicherungen. Grabka sprach aber von einem „Aufholprozess“. Seit 2007 sei das Vermögen in Ostdeutschland gestiegen, auch ist die Vermögensbildung bei Ost- und Westdeutschen bis zum Alter von 35 Jahren nahezu identisch. Seit 2007 ist der Gini-Koeffizient im Osten gesunken, was laut Grabka mit der guten Entwicklung des Arbeitsmarktes in den neuen Bundesländern zusammenhängen dürfte.

Mit ein Grund für die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland könnte die starke mittelständische Wirtschaftsstruktur sein. So wird das Betriebsvermögen von Familiengesellschaften oft zum privaten Vermögen gezählt, während das bei den in den USA stärker verbreiteten Aktiengesellschaften nicht der Fall ist. Die Vergleichbarkeit sei nicht immer gegeben, räumte Grabka ein.

Der Verband der Familienunternehmer reagierte dennoch empört. „Es ist hanebüchen, wenn die mittelständische Eigentümerstruktur der Betriebe in Deutschland als Nachteil dargestellt wird“, sagte Familienunternehmer-Präsident Lutz Goebel. Gerade die Familienunternehmen hätten sich durch ihre Solidarität und die Loyalität der Eigentümer in den letzten Jahren als besonders krisensicher erwiesen. „Die letzte Krise hätte hier in Deutschland ganz anders gewütet, wenn unsere Wirtschaft stärker von den Kapitalmärkten abhängig gewesen wäre“, sagte Goebel.

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist dagegen gerade die Stärke der deutschen Wirtschaft Anlass, sich über die ungleiche Verteilung zu empören. „Wir sind Europameister, wenn es um die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft und die Leistungsbereitschaft unserer Belegschaften geht – aber Schlusslicht, wenn es um gerechte Verteilung von Vermögen geht“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Reiner Hoffmann. Der Paritätische Gesamtverband forderte eine stärkere Besteuerung großen Reichtums.

Antje Schroeder

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