Medizin

Schlechte Prognose für deutsche Organempfänger

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Heidelberg - Wer in Deutschland ein neues Organ bekommt, hat eine schlechtere Prognose als im Rest der EU. Das geht aus Daten eines Mediziners der Uniklinik Heidelberg hervor. Schuld daran sei nicht nur der Organmangel, bemängeln Kritiker, sondern auch das Vergabesystem.

Organempfänger haben in Deutschland schlechtere Überlebenschancen als im Rest der EU: Zu viele verpflanzte Organe versagen schon nach einem Jahr, berichtet das Hamburger Magazin „Stern“ (Donnerstag) unter Berufung auf eine Datensammlung von Prof. Gerhard Opelz von der Uniklinik Heidelberg. „Für jedes Organ – Herz, Lunge, Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse – sind bei uns die Ein-Jahres-Überlebensraten deutlich schlechter als im europäischen Vergleich“, wird Opelz zitiert, der an der Uniklinik die Abteilung Transplantationsimmunologie leitet.

Der Mediziner, der am Mittwoch in den USA unterwegs war, bestätigte im Kern die Erkenntnisse. Die deutschen Zahlen unterschieden sich erheblich von denen der übrigen EU, betonte er ohne konkretere Angaben zu machen.

An der Uniklinik werden seit mehr als 30 Jahren weltweit Daten von Transplantationen ausgewertet. Laut „Stern“ melden jährlich 483 Transplantationszentren aus der ganzen Welt freiwillig die Ergebnisse von fast 25.000 Organverpflanzungen nach Heidelberg.

Der „Stern“ nennt Gründe für die schlechte Situation in Deutschland:Dies liege zum einen an dem Mangel an Spenderorganen. Daher würden oft auch solche Körperteile eingepflanzt, die nicht in optimalem Zustand seien. Zum anderen hätten hierzulande extrem kranke Patienten die höchste Dringlichkeit für Transplantationen. Die Kombination beider Umstände erhöhe das Risiko, dass Organe vorzeitig versagten.

Aus Sicht von Opelz stimmt die Richtung des Erklärungsversuchs – doch ganz so einfach sei es nicht: „Eine eingehende Ursachenforschung wäre angebracht, hat aber bisher nicht stattgefunden“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz schob der Bundesärztekammer den Schwarzen Peter zu:Obwohl der Gesetzgeber im Transplantationsrecht „Dringlichkeit“ und „Erfolgsaussicht“ als gleichberechtigte Kriterien für die Verteilung von Organen festgelegt habe, weiche die Kammer davon ab. Sie setze hauptsächlich auf Dringlichkeit. „Das heißt: Der Empfänger muss besonders krank sein. Je kranker, desto schneller empfängt er ein Organ“, erklärte die Stiftung.

Prof. Gerd Otto, der frühere Leiter der Mainzer Transplantationschirurgie, wies dies für die Kammer zurück: „Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über Erfolgsaussicht und Dringlichkeit“, sagte er der dpa. Wenn die Erfolgsaussicht bei der Vergabe etwa einer Leber mehr Gewicht haben solle, müsse man schwerkranke Patienten abweisen, so wie dies etwa in Österreich oder den USAder Fall sei. Lebertumor-Patienten werden ihm zufolge jetzt schon auch nach Erfolgsaussicht transplantiert.

Eine „mindestens ebenso große Bedeutung“ hat laut Otto die Organqualität. Die sei in Deutschland schlechter als in anderen Ländern.

dpa

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