Ringen um Ärzte-Gesetz

Wie sieht die medizinische Versorgung in der Zukunft aus?

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Wie sieht die medizinische Versorgung der Zukunft aus?

Berlin - Wie sieht die medizinische Versorgung der Zukunft aus? Auf dem Land sollen Ärzte von außerhalb den Mediziner-Mangel ausgleichen. Das schlagen die Ärzte vor. Ein heftiges Ringen gibt es um die Pläne von Gesundheitsminister Bahr für die Behandlungen von Schwerkranken.

Angesichts fehlender Ärzte müssen sich Patienten auf dem Land verstärkt auf mobile Mediziner von außerhalb einstellen. Ein entsprechendes Modell schlug die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vor. Die CDU macht zudem Druck auf die Ärzte, mehr Behandlungen und Diagnosen an Angestellte und Schwestern abzutreten. Zum Ärzte-Gesetz von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), das diese Reformen anstoßen soll, stehen aufwendige Verhandlungen im Parlament bevor.

„In einem Dorf wird montags und dienstags zum Beispiel ein Hausarzt sein, der Frauen- und der Augenarzt wird einmal in der Woche dort sein“, sagte KBV-Chef Andreas Köhler am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Das Ärzte-Gesetz ebne dafür den Weg. Bahr hat das Ziel gesetzt: „Wir wollen, dass der Landarzt für die Menschen nicht nur in einer idyllischen Vorabendserie existiert.“

Doch angesichts von 52 000 Ärzten, die bis 2020 aus Altersgründen ersetzt werden müssen, geht die KBV von einem Umbruch aus. Nur in Ballungsräumen würden die Menschen ambulant in zehn Jahren ähnlich wie heute betreut. Viele junge Ärzte ziehen nur ungern aufs Land.

„Wir werden an den Speckgürteln größere Ärzte-Kooperationen haben, die über mobile Arztstationen, über Filialpraxen die Fläche versorgen“, sagte Köhler. Zentral sei die geplante Aufhebung der sogenannten Residenzpflicht: Ärzte sollen künftig nicht mehr in der Nähe ihrer Praxis wohnen müssen.

Von Kassenseite und Opposition wird bezweifelt, dass Bahrs Ärzte-Gesetz drohendem Medizinermangel auf dem Land wirkungsvoll begegnen kann. So seien finanzielle Anreize für Landärzte zu gering.

Patienten müssen sich auch darauf einstellen, dass mehr Behandlungen und Beratungen nicht mehr vom Arzt selbst gemacht werden. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sagte der dpa: „Ich erwarte von der Ärzteschaft, dass sie die Delegation ärztlicher Leistungen nun offensiv vorantreibt.“

Kassen warnen vor Mehrkosten

Köhler begrüßte den Auftrag der Politik an die Ärzte, solche Leistungen aufzulisten. Der Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske forderte den Einsatz speziell geschulter Schwestern. Sie sollten den Großteil der bei einer Landarzt-Praxis anfallenden Hausbesuche absolvieren, sagte Glaeske der dpa.

Reihenweise will die Koalition Änderungsanträge für das eigene Gesetz einbringen, das ab 2012 gelten soll. Köhler machte dafür Bedenken des Finanzministeriums verantwortlich. Demnach drohen höhere Kosten als die veranschlagten bis zu 320 Millionen Euro pro Jahr. Der KBV-Chef kritisierte es als „nicht zufriedenstellend“, dass nicht klar sei, „wie das Gesetz am Ende aussehen wird“.

Ärger gibt es auch bei einem Herzstück des Gesetzes: der „spezialärztlichen Versorgung“ für Schwerkranke etwa mit Krebs, schwerer Herzschwäche oder HIV/Aids. Das oft riskante Hin- und Herschieben zwischen Kliniken und Praxen ohne größere Absprache soll eingedämmt werden. Doch droht der Bahr-Reform laut Köhler dieser innovative Kern verloren zugehen: Ob die Neuerung wie beschlossen bleibe, sei wegen des Widerstands der Länder offen.

Wie die Länder warnten auch die Kassen vor Mehrkosten in dem Bereich. Es bestehe die Gefahr, dass jeder Arzt, der einmal bestimmte Anforderungen erfülle, auf ewig ohne Beschränkung und unabhängig vom Bedarf bei den speziellen Behandlungen tätig werden könne, sagte der Vizechef des Kassenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, der dpa. Nachbesserungen seien nötig. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft pochte darauf, die Pläne im Gesetz zu belassen. Spahn kündigte Verhandlungen zu Details an. Doch soll die Spezialversorgung nicht grundsätzlich infrage gestellt werden.

dpa

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