Deutscher fliegt zur ISS

Start geglückt

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Foto: In Kasachstan startete die Rakete von Alexander Gerst, Maxim Suraev und Gregory Wiseman.

Berlin - Der Astronaut Alexander Gerst ist am Mittwochabend als zwölfter Deutscher überhaupt pünktlich um 22 Uhr (MEZ) ins Weltall aufgebrochen. Das Russische Fernsehen übertrug den Start der Sojus Rakete, in der Gerst gemeinsam mit dem Russen Maxim Surajew und dem US-Amerikaner Reid Wiseman zur ISS fliegt.

Die Raumfahrt kann man auf dreierlei Weise sehen. Mindestens. Die unendlichen Weiten des Weltraumes sind seit Menschengedenken Sehnsuchtsort der forschenden Neugier, finden die Kuratoren einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn. Dort wird von Herbst an unter der Schirmherrschaft der Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgeführt werden, was Philosophen und Naturwissenschaftler, Schriftsteller, Filmemacher und Künstler, Spinner und Visionäre beizutragen haben. Ein wenig klingt das so, als wolle man ein Lieblingsthema der deutschen Romantik wiederbeleben. Niemals ist der Mond inbrünstiger besungen worden als damals.

Man kann es auch nüchtern angehen. Der Deutsche Alexander Gerst ist gemeinsam mit dem Russen Maxim Surajew und dem US-Amerikaner Reid Wiseman vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus ins All gestartet. Rund sechs Monate soll der 38-Jährige aus Künzelsau in Baden-Württemberg in der internationalen Raumstation ISS bleiben.

Maus muss mit

Und man kann die unerforschten Weiten mit kindlichen Augen betrachten. Auch als Astronaut, auch als Wissenschaftler. Alexander Gerst, ein bekennender Fan der „Sendung mit der Maus“, nimmt das kleine Plüschtier mit ins All. Dann wird er – unter anderem – das tun, was seit Jahrzehnten die große Stärke der Sendung ist: Gerst wird seine Arbeit so erklären, dass Kinder sie verstehen. Das ist schon mal nicht das Schlechteste, was man über eine wissenschaftliche Mission sagen kann.

Das Grundwissen über den Flug des elften deutschen Astronauten hat man sich tatsächlich schon bei der „Maus“ aneignen können. In ihrer engen Kapsel an der Spitze der russischen Sojus-Rakete sitzen drei Raumfahrer auf etwa 300 Tonnen Treibstoff. Mehr als 26 Millionen PS befördern das Trio ins All. Der Sojus-Raketentyp ist bereits seit rund 50 Jahren im Einsatz und gilt als zuverlässiger und robuster Klassiker – was ihm den Spitznamen „VW Käfer des Weltalls“ eingebracht hat. „Beim Start einer Rakete wird man sich nicht entspannt zurücklegen und ein bisschen dösen – da hat man schon Adrenalin“, sagt Gerst. „Man weiß, dass durchaus auch was schiefgehen kann. Man versucht, mental einen Schritt vor der Rakete zu sein und immer genau zu wissen, was zu tun ist.“

Wenn heute Abend die Sojus-Triebwerke zünden und die Trägerrakete von der kasachischen Steppe Richtung Internationale Raumstation ISS abhebt, erfüllt sich für Alexander Gerst ein Kindheitswunsch. „Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, ob ich das alles nur geträumt habe“, verrät der 38-Jährige. Als kleiner Junge weckte sein Großvater mit einem Amateurfunkgerät in ihm die Leidenschaft für ferne Welten. „Sobald ich auf etwas stoße, was ich nicht sofort verstehe, bin ich interessiert. Und der Weltraum ist eben das Größte um uns herum, das wir nicht verstehen“, sagt der Mann mit dem kahlen Kopf und dem modisch-schmalen Backenbart.

Einer von 8400 Bewerbern

Auf den Beruf als Astronaut habe er nie gezielt hingearbeitet. „Ich hatte das aber immer als Alternative im Hinterkopf“, die Bewerbung bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa sei „nur ein Versuch“ gewesen. „Natürlich wusste ich, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, Astronaut zu werden, ziemlich gering ist“, räumt Gerst ein. Doch der Mann mit der athletischen Figur, der Fallschirmspringen und Fechten als Hobbys nennt, setzte sich gegen mehr als 8400 Konkurrenten durch. Seit drei Jahren wird er nun zum Astronauten ausgebildet.

Politisch hat die Raumfahrt längst keinen so hohen Stellenwert mehr wie während des Kalten Krieges, beim Wettlauf zum Mond, oder in der Zeit der fruchtvollen Zusammenarbeit der Supermächte. Die Russen wollen demnächst kürzertreten, was die Amerikaner, die längst selbst auf Sparflamme fliegen, pikiert zur Kenntnis genommen haben. Kritische Anmerkungen zur Internationalen Raumstation ISS gibt es aber schon seit ihrem Start 1998.

Die Gesamtkosten von mehr als 100 Milliarden Euro stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen, meinen ISS-Gegner. Keines der bisher mehr als 1200 Experimente auf der fliegenden „Tüftlerbude“ habe Bahnbrechendes zutage gefördert. Schlagzeilen mache die Station nur mit defekten Toiletten oder als Kulisse für Hollywoodfilme wie das Weltraum-Abenteuer „Gravity“.

ISS-Befürworter widersprechen dem mit politischen und wissenschaftlichen Argumenten. „Heute ist die Raumstation mehr denn je Symbol internationaler Verständigung und gleichzeitig ein überragender wissenschaftlicher Erfolg“, meint Deutschlands Raumfahrtchef Johann Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln. Es werde kein Geld ins All befördert, sondern Technologie, die auf der Erde Arbeitsplätze und Wissenszuwachs schaffe.

Spezielle Wohngemeinschaft

Wer „dran“ ist mit einem Flug ins All, ist nicht nur eine Frage absoluter körperlicher Fitness, sondern wird auch in einem umfangreichen Vertragswerk geregelt. Danach kann Europa nur einen der sechs Arbeitsplätze auf der Internationalen Raumstation ISS beanspruchen. Den Rest teilen sich Russland (drei) und die USA (zwei). Für den einen europäischen Platz bewerben sich traditionell Tausende – wer von ihnen letztendlich zu den Sternen fliegt, entscheidet die europäische Raumfahrtagentur Esa mit ihren Partnern nach einem langen Auswahlverfahren. Rund 50 Millionen Euro kostet die nationale Raumfahrtagentur jeder Mitflug eines Astronauten. Im Übrigen sind elf deutsche Astronauten gar nicht so wenig: Mehr Menschen haben bisher nur die Raumfahrtnationen Russland und USA ins All geschickt.

Die Trennung von seiner Freundin, die Physikerin ist, werde ihm schwerfallen, sagt Gerst. Auch anderes werde er sicher vermissen. „Wahrscheinlich die Alltagsdinge, die man da oben nicht hat. Mal ’nen Salat essen, mal duschen, mal draußen im Regen joggen, was mir sehr viel Spaß macht.“ Die Bezeichnung „Spezielle Wohngemeinschaft“ für die enge ISS gefällt ihm. „Ich hab im Studium 15 Jahre lang in WGs gewohnt. Und das ist kein schlechter Vergleich: Man hat Regeln, man verteilt die Arbeiten, hat auch mal ein Missverständnis oder verschiedene Ansichten – das muss man klären.“

Bisher waren Raumfahrer oft Kampfflieger oder Ingenieure, weil ihnen Technik naheliegt. Gerst kommt aus der Wissenschaft. Er hat in Karlsruhe Geophysik studiert und forschte an der Universität Hamburg. „Wenn das mit der Bewerbung als Astronaut nicht geklappt hätte, wäre ich wohl nach Alaska gezogen, um Vulkane zu erkunden“, sagt er. Für seine Doktorarbeit über den antarktischen Vulkan Mount Erebus harrte er sechs Wochen lang bei minus 45 Grad Celsius aus.

„Der Blick von außen verdeutlicht die Verletzlichkeit der Erde“

„Dort habe ich erstmals erlebt, was Einsamkeit wirklich bedeutet“, erinnert er sich. Früher schickte die Raumfahrt nur Familienväter ins All, weil diese angeblich verantwortungsbewusster entscheiden – zu Hause wartet ja jemand. Gerst ist kinderlos und unverheiratet, leichtsinnig ist er nicht. „Jeder Mensch kennt Angst unter bestimmten Bedingungen. Es ist daher wichtig, Respekt vor möglichen Notfallsituationen zu haben und gut vorbereitet zu sein“, sagt Deutschlands nächster Mann im All. Der Wissenschaftler ist überzeugt vom Sinn und Zweck der bemannten Raumfahrt – und will auch andere davon überzeugen. „Der Blick von außen verdeutlicht die Verletzlichkeit der Erde“, sagt der leidenschaftliche Fotograf. „Letztendlich ist unser Planet nur eine Kugel aus Stein, ein kleiner blauer Punkt im All – mit uns als Passagieren. Insofern sind wir alle eigentlich Astronauten.“

Eine erste Kinderfrage an die Maus im Weltall hat Gerst schon beantwortet: „Was wirst du den ganzen Tag machen?“ Ein normaler Tag auf der ISS beginnt mit einer Morgentoilette mit feuchten Tüchern, eine Dusche gibt es nicht. Nach einem bescheidenen Frühstück widmet sich die Crew der Forschung sowie der Pflege der Anlagen – mit der Faustregel, dass viele Arbeiten im All doppelt so lange dauern wie auf der Erde. Zu den Aufgaben der drei von der ISS gehören Experimente in der Schwerelosigkeit. Die Forscher erhoffen sich davon auch Erkenntnisse über einen möglichen dauerhaften Aufenthalt im All und für eine bemannte Mars-­Mission. Je nach Tagesprogramm stehen zwei Stunden Fitness auf dem Plan, Strampeln auf Standfahrrädern, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken. Freizeit gibt es kaum während der sechs Monate im All. Und wenn, dann sind ja all die Fragen an die Maus zu beantworten.

Start geglückt

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst ist auf dem Weg in den Weltraum. Der 38-Jährige aus Baden-Württemberg hob am Mittwochabend an Bord einer Sojus-Rakete vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ab. Mit ihm fliegen der Russe Maxim Surajew und der US-Amerikaner Reid Wiseman zur Internationalen Raumstation ISS. Das russische Staatsfernsehen übertrug den Beginn der Mission direkt.

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