Landung auf Kometen

Der Stolz der Göttinger

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Das Foto zeigt die simulierte Landung von "Philae" auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko.

Göttingen - Die Landung auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko
 gilt als größtes technisches Weltraum­abenteuer seit der Mondlandung. Forscher aus Göttingen sind
maßgeblich daran beteiligt.

„Rosetta“ brauchte einen langen Anlauf. Zehn Jahre war sie unterwegs, hat in dieser Zeit 6,4 Milliarden Kilometer zurückgelegt, doch jetzt ist die Sonde am Ziel. Am Mittwoch soll das Landegerät „Philae“ auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko aufsetzen. Es ist ein bislang einmaliges Manöver in der Geschichte der Raumfahrt: Noch nie hat es einen Landeversuch auf einem Kometen gegeben. Für das größte technische Weltraumabenteuer seit der Mondlandung 1969 halten Fachleute die Mission, die am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen besonders intensiv verfolgt wird. Denn die MPS-Forscher spielen bei dem Unterfangen eine zentrale Rolle.

Um die Bedeutung der Mission für die Göttinger Wissenschaftler zu erfassen, ist eine kleine Zeitreise nötig. Bereits vor knapp drei Jahrzehnten hatten die Forscher erste Pläne für eine Landung auf einem Kometen entwickelt; von den Wissenschaftlern, die an den Anfängen beteiligt waren, hat sich ein Großteil schon in den Ruhestand verabschiedet. „Weltraummissionen sind immer generationsübergreifende Projekte, das macht sie auch so faszinierend“, sagt Holger Sierks, Leiter des Osiris-Teams.

TV-Tipp

Eine Reportage über das Projekt unter dem Titel „Die Kometenjäger - Mission Rosetta“ zeigt ZDFneo am Montag von 21 Uhr an.

Osiris ist das wissenschaftliche Kamerasystem der Raumsonde, das seit mehreren Monaten immer detailliertere Aufnahmen von dem Kometen liefert. Sierks ist seit 1997 an dem Projekt beteiligt und übernahm die Leitung von Horst Uwe Keller, als dieser in den Ruhestand ging. Keller hatte die Spezialkamera für die „Giotto“-Mission im Jahr 1986 entwickelt, die sich als Initialzündung für das aktuelle Unterfangen erweisen sollte. „Giotto“ flog damals dicht am Halleyschen Kometen vorbei und lieferte die ersten Bilder überhaupt von einem Kometenkern. Die Aufnahmen galten als eine Sensation. Beflügelt von dem Erfolg der Mission bewilligte die Europäische Raumfahrtagentur Esa 1993 ein neues Projekt mit dem Ziel, auf einem Kometen zu landen.

Die Göttinger Max-Planck-Forscher stürzten sich mit Feuereifer in die Arbeit. Mehr als 75 Prozent der Werkstattkapazitäten seien jahrelang nur mit dem Kometenprojekt ausgelastet gewesen, sagt Institutssprecher Norbert Krupp. Dutzende Wissenschaftler und Techniker entwickelten einen Großteil der Instru­mente, Versuchsanordnungen und technische Bauten. Manche tüftelten noch nach Feierabend und an Wochenenden weiter. Das Institut steuerte nicht nur wichtige Teile der Landeeinheit bei. Von allen beteiligten Forschungseinrichtungen weltweit hat es auch den größten Anteil an den wissenschaftlichen Experimenten.

Im Frühjahr 2003 sollte die Raumsonde abheben, doch kurz vor dem geplanten Start kam der Rückschlag: Nach dem Absturz einer Ariane-5-Trägerrakete wurden weitere Starts vorerst gestrichen. Das ursprüngliche Vorhaben, den Kometen Wirtanen anzufliegen, ließ sich nicht mehr halten. Also suchten die Forscher nach einem neuen Ziel und stießen auf Tschurjumow-Gerassimenko. Die Wissenschaftler und Ingenieure mussten sowohl die Flugroute als auch das Abstiegsszenario neu planen und auch den Lander modifizieren. Als die Rakete mit „Rosetta“ schließlich im März 2004 abhob, knallten die Sektkorken im Max-Planck-Institut mit zweistündiger Verspätung: Die Forscher und Ingenieure wollten warten, ob auch die zweite Raketenstufe planmäßig zündet.

Danach begann das lange Warten. Weil die Sonde keinen Raketenantrieb hat, musste sie für ihre weite Reise mehrfach Schwung holen. Bei diesen sogenannten Swing-by-Manövern flog „Rosetta“ insgesamt dreimal dicht an der Erde und einmal am Mars vorbei, um die Geschwindigkeit der Planeten auf sich zu übertragen. 2011 wurde „Rosetta“ schließlich in eine Art Winterschlaf versetzt, um Strom zu sparen: Alle Instrumente wurden auf Standby geschaltet.

Doch jetzt arbeiten alle mit Hochdruck - Systeme der Sonde wie Wissenschaftler. Im europäischen Missionskontrollzentrum ESOC in Darmstadt wird Projektleiter Sierks am Mittwoch auf seinen Vorgänger Keller treffen. Das Ende der Mission, die er einst mit angeschoben hatte, will sich der 73-Jährige nicht entgehen lassen.

Von Heidi Niemann und Klaus Merhof

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