Atomkraft

Ein Stresstest für die Stromnetze

- Mit Biblis A ist am Wochenende der letzte von sieben alten Atommeilern vom Netz gegangen - vorübergehend. Sind die deutschen Stromnetze auf den Kapazitätsrückgang vorbereitet? Die Betreiber müssen nachsteuern. Vor allem aber müssen die Netze ausgebaut werden.

Das deutsche Hochspannungs-Übertragungsnetz ist mehr als 30.000 Kilometer lang. Von Nord nach Süd, von West nach Ost überspannen die Leitungen die Republik, laufen über Umspannwerke und Trafostationen schließlich in ein weit verzweigtes regionales und lokales Verteilnetz - bis zum Endverbraucher. Amprion, TenneT, 50 Megahertz Transmission und die EnBW Transportnetze AG sorgen dafür, dass der Stromfluss nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Doch mit dem Ausfall von Kapazitäten wie jetzt durch den Stillstand von sieben Kernkraftwerken, stehen die Netzmanager vor neuen Herausforderungen.

„Das Netz ist nicht darauf eingestellt, es können angespannte bis kritische Situationen entstehen“, umschreibt Marian Rappl von der RWE-Tochter Amprion die Lage. Wenn nötig, müsse der Netzbetreiber in den Markt eingreifen und Kraftwerke anweisen, mehr Strom zu produzieren. Doch die Lage ist nicht bedrohlich. Rappl: „Wir können unser Netz weitgehend sicher betreiben.“ Das heißt, über die Übertragungsnetze ist auch heute ohne sieben Atomkraftwerke soviel Strom abgreifbar, dass Spitzenlast bedient und Schwankungen durch erneuerbare Energien ausgeglichen werden können. Auch die Bundesnetzagentur sieht durch den Ausfall der Kernkraftwerke - und wer weiß, ob sie jemals wieder ans Netz gehen - keine Gefährdung für die Stromversorgung.

Beim Netzbetreiber TenneT wird die Lage ähnlich eingeschätzt. Das Abschalten der Kernkraftwerke stelle derzeit keine unmittelbare Gefährdung dar, heißt es. Das niederländische Unternehmen, das vor gut einem Jahr das 10.000 Kilometer lange Übertragungsnetz von Eon erworben hatte, spricht aber von einer stark angespannten Netzsituation. So rechnet TenneT in den kommende Wochen mit mehr Eingriffen in den Strommarkt, um die Netze stabil zu halten.

Die größten Herausforderungen für die Netzbetreiber stellen sich vermutlich am Flaschenhals der Stromübertragung: der eng gewordenen Nord-Süd-Trasse. Auf der ohnehin schon durch Windenergie stark belasteten Route werden sich die Stromflüsse noch einmal erhöhen, weil alleine im Süden Deutschlands fünf Kernkraftwerke ausfallen. Die Erzeugungsstruktur durch die Zuschaltung konventioneller Kraftwerke und die Lastflüsse würden sich gravierend ändern, meint die Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, Hildegard Müller.

Den Ausfall von sieben Kernkraftwerken halten andere für unproblematisch. Für das Jahr 2009 errechnete die Bundesnetzagentur eine gesamte Erzeugungskapazität von über 150 Gigawatt. Das ist deutlich mehr als die für Deutschland ermittelte Verbrauchsspitze von gut 80 Gigawatt. Das ist auch nötig, denn Reserven müssen vorhanden sein; außerdem stehen Kraftwerke revisionsbedingt schon mal still oder auf der Nordsee herrscht Windflaute. In solchen Lagen muss Strom aus Pumpspeicher- oder Gasturbinenkraftwerken schnell zugeschaltet werden können.

Bis 2050 könnten sich die Verbrauchsspitzen durch effizientere Nutzung (Smard Grids) und das Einsparen von Energie nach Einschätzung der Umweltorganisation WWF auf 54 Gigawatt verringern. Das ist die Leistung, die werktags um die Mittagszeit anfällt und sich danach wieder reduziert. Der Wegfall der Kapazitäten von sieben Kernkraftwerken falle da kaum ins Gewicht.

Was aber ins Gewicht fällt, sind unzureichenden Transportnetze. Hier zeigt sich die Dringlichkeit des Ausbaus. Für die Einspeisung vor allem von erneuerbaren Energien fehlen Kapazitäten. So steht die Bundesregierung in der Folge der Reaktorkatastrophe in Japan nicht nur in der prekären Situation, ihr Energiekonzept zu überdenken und die Sicherheit von AKWs zu überprüfen. Sie muss auch beim Netzausbau Gas geben.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will schon an diesem Montag Eckpunkte für ein Gesetz vorlegen, das einen wesentlich schnelleren Ausbau der Stromnetze für Energie aus Biomasse, Erdwärme, Wind, Solar und Wasser ermöglichen soll. Mit einem „Offshore-Masterplan“ sollen etwa Windräder vor den Küsten gebündelt an das Stromnetz angeschlossen werden. Brüderle geht laut „Bild.de“ davon aus, dass „mehr als 3600 Kilometer neue Leitungen“ benötigt werden.

Genau diesen Bedarf hat auch die Deutsche Energieagentur Dena in einer Netzstudie ermittelt. Dabei rechnete Dena verschiedene Szenarien durch: Bei einem Anteil von knapp 40 Prozent erneuerbarer Energien müssten für die Jahre 2020/25 rund 3600 Kilometer Stromleitungen neu gebaut werden. Die Kosten hierfür liegen je nach Technik zwischen rund 10 Milliarden Euro für Freileitungen bis zu 30 Milliarden Euro für Erdkabelsysteme. So oder so, für Renate Hichert von der Bundesnetzagentur gibt es nur eine Antwort: „Am Netzausbau führt kein Weg vorbei“.

dpa

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