Mär der digitalen Demenz

Studie widerlegt den „Google-Effekt“

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Von wegen „Google-Effekt“: Smartphones und Co. helfen beim Erinnern, sagen Wissenschaftler.

Hannover - Verkümmern unsere grauen Zellen, wenn Suchmaschinen uns das Denken abnehmen? Eine Studie hat jetzt diesen „Google-Effekt“ widerlegt. Smartphones und Co. führen nicht in die digitale Demenz. Im Gegenteil: Sie helfen sogar beim Erinnern.

Auswendig lernen galt lange Zeit als hohe Kunst. Von der Gedichtrezitation im Klassenunterricht bis zur Gedächtniswette bei Thomas Gottschalk - stets wurde dem eingeprägten Wort gehuldigt. Der US-Autor Ray Bradbury trieb das Prinzip auf die Spitze: In seinem 1966 verfilmten dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ gibt es eine Gruppe von Systemgegnern, die sich dem Regime der Bücherverbrenner widersetzen, indem sie Geschichten auswendig lernen. Jeder Einzelne verkörpert somit ein Stück Geistesgeschichte. Memorieren erscheint hier als Kulturleistung, ja, als Kulturrettung. Diese kollektive Einverleibung kulturellen Wissens wäre heute nicht mehr notwendig. Es würde reichen, die Kopie einer Geschichte ins Netz zu stellen, um sie zu bewahren.

Wissensspeicherung und -überlieferung haben sich im digitalen Zeitalter grundlegend verändert. Ein „wandelndes Lexikon“ ist heute jeder Smartphone-Besitzer. Eine App ersetzt das Kopfrechnen, das Navigationsgerät die Landkarte im Kopf, ein Klick auf Wikipedia das Studium eines Universalgelehrten. Digitale Helfer machen Informationen allzeit zugänglich. Ist an diese Auslagerung in die Cloud ein Abstumpfungsprozess gekoppelt? Verkümmern unsere grauen Zellen, wenn Suchmaschinen uns das Denken abnehmen? Diesen „Google-Effekt“ beschwor Betsy Sparrow von der Universität Harvard im Jahr 2011. Ein Jahr später legte der Ulmer Psychiater, Psychologe und Hochschullehrer Manfred Spitzer nach. In seinem Bestseller „Digitale Demenz - Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ beschrieb er den Negativeffekt von „Smartphoneitis“ auf die individuelle Entwicklung.

Das Gehirn als Dachkammer

Die Forscher Ben Storm und Sean Stone kamen in einer Studie der University of California in Santa Cruz jetzt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Sie ließen Psychologiestudenten zwei PDF-Wörterlisten lesen und später dazu Fragen beantworten. Wenn die Probanden die Möglichkeit bekamen, die erste Liste nach dem Lesen auf ihren Computern zu speichern und sie vor dem Test noch einmal zu öffnen, verbesserten sich die Abfragewerte nicht nur für diese, somit doppelt studierte, sondern verblüffenderweise auch für die andere Liste. Das Fazit der Gedächtnisforscher: Digital induzierte Vergesslichkeit macht den Kopf frei für andere Dinge. Kreatives Denken funktioniert besser, wenn man im Oberstübchen erst einmal ordentlich aufräumt. Im Fachmagazin „Psychological Science“ schreiben die Forscher: „Das (digitale) Abspeichern von Daten, die man sich sonst merken müsste, erleichtert das Lernen neuer Informationen.“

Somit haben die Wissenschaftler den Beweis für eine These geliefert, den der Schriftsteller Arthur Conan Doyle seinen literarischen Helden Sherlock Holmes schon Ende des 19. Jahrhunderts formulieren ließ. Dieser vergleicht das menschliche Gehirn mit einer Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit ausgewählten Möbeln statt mit Gerümpel ausstatten sollte. Zu seinem Gehilfen Watson sagt er: „Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewusst haben. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, dass unsere nützlichen Kenntnisse nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“

Der Umgang mit dem Kapital Wissen hat sich global-gesellschaftlich verändert. Mündliche Erzähltraditionen, die eine innigere Verbindung mit dem überlieferten Stoff pflegen, sind nur noch in der Gutenachtgeschichte von Eltern lebendig - sofern diese nicht durch eine Vorleseapp ersetzt ist. Riesige internationale Daten-Bibliotheken wie die Europeana ermöglichen den Zugriff auf Wissensbestände vom anderen Ende der Welt. Auch der Austausch von wissenschaftlicher Fachliteratur hat sich längst ins World Wide Web verlagert. Das Internet ist ein Ort, an dem das Wissen der Welt wie niemals zuvor gebündelt und zugänglich ist, es ist aber auch ein Ort des Scheinwissens und der informationellen Reizüberflutung. David Weinberger stellt in seinem Buch „Too Big To Know“ die These auf, dass sich der wissenschaftliche Wissensbegriff grundlegend wandeln müsse. Grund dafür sei die Tatsache, dass die unaufhörlich gesammelten und von Computern verwalteten Datenbestände inzwischen viel zu komplex geworden sind, als dass diese mit herkömmlichen Modellen zu erfassen wären.

Am Ende bleibt die alte Erkenntnis der Weisen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Für alle, denen der Urheber dieses Satzes entfallen ist, gibt es da eine Zitate-App.

Von Nina May

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