Multiresistente Keime werden zur Gefahr

Superwaffe ohne Wirkung

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Gefährliche Bakterien: Immer mehr Erreger werden widerstandsfähig gegen Antibiotika.

Hannover - Sie entwickeln sich zur tödlichen Plage: Keime, die gegen die Mehrzahl der Antibiotika resistent sind. In Kliniken und Pflegeheimen machen sie sich breit, fordern dort immer mehr Opfer.

„Multiresistente Keime werden zu einer weltweiten Gesundheitsgefahr“, warnt nun die amerikanische Seuchenschutzbehörde. 23.000 Todesfälle gehen in den USA Jahr für Jahr auf das Konto dieser widerstandsfähigen Erreger, wie die Centers for Disease Control (CDC) ermittelt haben. Nur noch wenige für lebensbedrohliche Fälle zurückgehaltene Reserveantibiotika helfen noch – und auch die könnten bald unwirksam werden. Die Infektiologen sehen „eine Katastrophe“ kommen.

Auch in Deutschland sind Mediziner und Behörden besorgt. Mehr als sechs Millionen Deutsche tragen multiresistente Erreger (MRSA) in sich; bis zu 30.000 Patienten jährlich sterben in deutschen Kliniken, weil Antibiotika nicht mehr helfen, heißt es in einer neuen Studie im Auftrag der Grünen. In Niedersachsen wurden in diesem Jahr bis zum September 361 MRSA-Infektionen gemeldet, 2012 waren es 497. Besonders für bereits durch Krankheit geschwächte Menschen sind die Keime lebensbedrohlich.

Ohne die in den vierziger Jahren entdeckten Antibiotika würden die Menschen noch heute an vergleichsweise banalen Infektionen sterben. „Wir haben diese supertolle Waffe, aber wir verlassen uns zu sehr darauf“, sagt Prof. Iris Chaberny, Krankenhaushygienikerin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Zu unbekümmert würden die Bakterienkiller verordnet – und zwar nicht nur Menschen, sondern auch in der Tiermast. Die resistenten Keime können direkt vom Tier auf den Menschen übertragen werden.

Je mehr Antibiotika wir benutzen, desto mehr Resistenzen bilden sich. MHH-Ärztin Chaberny sieht das große Problem allerdings nicht mehr bei den MRSA-Erregern. Diese habe man durch verbesserte Hygiene („Aktion saubere Hände“) und Kontrollabstriche vor chirurgischen Eingriffen gut im Griff. „Das Riesenproblem sind vor allem gramnegative Erreger wie die Enterobakterien, die im menschlichen Darm leben“, erklärt Chaberny. Werden diese resistent und gelangen bei einer Operation in die Wunde, können sie schwere Infektionen auslösen. „Dagegen haben wir kaum noch wirksame Medikamente.“

Der Umgang mit Antibiotika muss sich grundlegend ändern. „Wir dürfen Antibiotika nur dann einsetzen, wenn sie wirklich nötig sind“, fordert Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt. Sie will vor allem niedergelassene Ärzte zum Umdenken bewegen, weil diese zu sorglos Antibiotika verschreiben. Handlungsbedarf gibt es aber auch aufseiten der Industrie. Weil ihnen die Rendite zu gering ist, investieren Arzneimittelhersteller kaum Geld in die Entwicklung neuer Wirkstoffe.

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