Ethikrat über Biosicherheit

Das tödliche Virus aus dem Labor

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Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (r, CDU) und Ethikrats-Mitglied Silja Vöneky (l) stellen ein 300 Seiten starkes Werk des Rates vor.

Berlin - Der Deutsche Ethikrat übergibt der Bundesregierung ein Gutachten zur Biosicherheit: Was soll getan werden, wenn medizinische Forschung von Terroristen missbraucht werden kann?

Manchmal können schlichte Gewissheiten hochkomplizierte Fragen aufwerfen. „Forschung“, sagt Christiane Woopen, „will Neues entdecken.“ Doch muss der Staat eingreifen, wenn das Neue nicht nur nützlich, sondern zugleich hochgefährlich für den Menschen ist? „Missbrauch lässt sich nie vollständig ausschließen“, sagt die Kölner Medizinethikerin. Dennoch dürfe man die Freiheit der Forschung nicht einschränken. „Stattdessen sollte man die Risiken durch ein Vorsorgekonzept minimieren.“

Dies Vorsorgekonzept liegt seit gestern in Buchstärke vor; es umfasst knapp 300 Seiten und ist im engeren Sinn eine Auftragsarbeit. Vor knapp zwei Jahren bat die Bundesregierung den Deutschen Ethikrat, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man mit medizinischen Experimenten umgehen sollte, deren Ergebnisse von Bioterroristen als Waffe missbraucht werden könnten. Die 26 Wissenschaftler haben es sich mit der Antwort nicht leicht gemacht. Nach mehreren Anhörungen und langen Diskussionen übergab gestern Christiane Woopen, Vorsitzende des Ethikrates, die Stellungnahme an Forschungsministerin Johanna Wanka und Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Die beiden Minister bedankten sich höflich und versprachen eine intensive Diskussion der Empfehlungen.

Wer meint, es ginge dabei um eine abgehobene wissenschaftliche Debatte, der irrt. Der Anlass für den Regierungsauftrag war durchaus konkret, und die Aufregung international. Ende 2011 war es Forschern in den Niederlanden und in den USA gelungen, im Labor einen Krankheitserreger zu entwickeln, der die gefährlichsten Eigenschaften der Vogel- und der Schweinegrippe vereinte.

Ron Fouchier hatte in Rotterdam mit seinem Team die Vogelgrippeviren genetisch so verändert, dass sie erstmals über die Atemwege, durch Niesen oder Husten, übertragbar waren. Die Frettchen, mit denen experimentiert wurde, bekamen Grippesymptome wie Fieber und Schnupfen. Ähnliche Ergebnisse, aber mit einem anderen Verfahren, erzielten Wissenschaftler an der Uni in Wisconsin.

Als die Veröffentlichung der Studien anstand, entbrannte eine aufgeregte Debatte über den „Killervirus“. Die zuständige amerikanische Behörde forderte die Fachzeitschriften „Science“ und „Nature“ auf, die Ergebnisse unter Verschluss zu halten. Zu groß sei die Gefahr, dass Terroristen sich das Wissen aneignen und als Waffe einsetzen könnten. Nach wochenlangen Beratungen empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) „trotz Bedenken“ den Abdruck. Aber 39 Virologen folgten dem Aufruf der USA und anderer Länder, stimmten einem Moratorium zu und schlossen ihre Labore. Vorübergehend.

Ein Jahr lang verteidigte Ron Fouchier auf unzähligen Veranstaltungen und in Interviews seine Forschung. Das Vogelgrippevirus, das bislang selten Menschen befällt, aber tödlich sein kann, verändere ständig seine Gestalt und sei damit eine reale Gefahr. Anstatt einfach nur abzuwarten und zu hoffen, dass es nicht irgendwann zu einer Pandemie komme, müsse man vorbereitet sein, meinte der Niederländer. Wissen sei Prävention: Wenn man weiß, wie sehr sich das Virus wandeln muss, um am Ende ansteckend zu sein, könne man im Voraus Impfstoffe entwickeln. Zudem sei „sein Virus“ schwer „nachzubauen“.

Anfang 2013 wurde das Moratorium wieder aufgekündigt. Wissenschaftler wie der Marburger Professor Hans-Dieter Klenk verwiesen auf die strengen Regeln für deutsche Hochsicherheitslabore. Die Gesetzeslage reiche aus, um die Sicherheit der Experimente zu gewährleisten. Die WHO lud zu einer internationalen Konferenz über Biosicherheit ein und stellte am Ende fest, dass die Diskussion fortgesetzt werden müsse. Europäische Virologen und Fachgesellschaften forderten die EU-Kommission vor wenigen Monaten auf, eine weitere internationale Konferenz zu organisieren, um über neue Richtlinien zu beraten.

Auch der Deutsche Ethikrat sieht Regelungsbedarf. Bislang gebe es kein einheitliches System in Deutschland, das den Umgang mit sogenannten Dual-Use-Projekten, die auch als Massenvernichtungswaffen missbraucht werden können, regelt, meinte Silja Vöneky, Sprecherin der Arbeitsgruppe Biosicherheit, gestern bei der Übergabe des Gutachtens. Der Rat schlägt ein Studienfach „Kultur der Verantwortung“ vor und fordert einen bundesweiten Forschungskodex, auf den sich die Wissenschaft verständigen sollte. Bei Experimenten mit hochgefährlichen Krankheitserregern empfehlen einige Ratsmitglieder eine Beweislastumkehr für Projektantragsteller.

Eine neue Kommission soll zudem alle Dual-Use-Projekte prüfen. Etwa zehn Vorhaben gibt es derzeit in Deutschland jedes Jahr – von Experimenten mit künstlichen Viren bis zu neuartigen Trägersystemen, mit denen Stoffe gezielt in den Körper gelangen können. Das Votum der Kommission könne im Einzelfall auch negativ ausfallen, erklärte Christiane Woopen. Ein staatliches Genehmigungsverfahren lehnt der Rat aber ab.

Die Ratsvorsitzende hofft nun auf zügige Beschlüsse. „Wir wünschen uns, dass der Forscher einen Schritt zurücktritt und sich fragt, welches Missbrauchspotential hat meine Forschung.“ Wenn er dann noch sagt, dass er sich beraten lässt, sei viel erreicht. Und wie beurteilt der Ethikrat die Forschung am „Killervirus“? Sie sei Rechtswissenschaftlerin, sagte Vöneky gestern. „Es geht um Risikoabwägung, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen.“

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