Zerstörung von Boden

Was wir unserer Erde jeden Tag antun

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„Bodenzerstörung ist ein globales Problem“

- Der Boden, das Erdreich, die Grundlage allen Lebens ist bedroht: Weltweit gehen täglich 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Erde verloren. Selbst in Deutschland wird jeden Tag eine Fläche von 100 Fußballfeldern versiegelt. Warum gehen wir so sorglos mit unsrer Erde um? Und wie können wir sie schützen? Ein Bodenprobe.

Der Wissenschaftler

Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource, sagt Jes Weigelt. Boden kann zerstört werden, verschwinden, verwehen, versalzen, versteppen. Dann ist er unwiderruflich weg. Boden kann also knapp werden. Er ist es heute schon. Der Agrarwissenschaftler Weigelt arbeitet im IASS in Potsdam, dem Institute for Advanced Sustainability Studies. Die Arbeit des Instituts, das sich der Förderung von Wissenschaft und Forschung zur globalen Nachhaltigkeit verschrieben hat, soll am besten direkte Auswirkungen auf die globale Klima- und Umweltpolitik haben. Sie soll helfen, das Schlimmste noch zu verhindern.

Dafür muss man auch in der Öffentlichkeit trommeln, und Weigelt tut es gern. In diesem Jahr stehen die Chancen, gehört zu werden, besonders gut. Die Vereinten Nationen haben 2015 zum „Jahr der Böden“ erklärt. Auch das Umweltministerium in Niedersachsen hat den Ball aufgenommen und viele Aktionen zu dem Thema geplant. Zu den Befürchtungen um verschmutzte Luft und das zunehmend knappe Gut Wasser hat nun die Sorge um das letzte bedrohte Element die Verantwortlichen erreicht. Und die Dimensionen erscheinen gewaltig. Ländergrenzen sind längst zu eng dafür. „Bodenzerstörung ist ein globales Problem“, sagt Wissenschaftler Weigelt. Woran aber zeigt sie sich genau?

Der Flächen-Fußabdruck

Vom CO²-Fußabdruck reden viele, den Flächen-Fußabdruck kennt kaum einer. Er beträgt aktuell 4620 Quadratmeter pro Einwohner der Industrieländer. So viel Fläche ist nötig, um einen Deutschen, Briten oder Spanier zu ernähren. Das ist die Fläche eines Fußballfeldes von der Torlinie der Heimmannschaft bis weit in die gegnerische Hälfte. Wer dagegen in Kenia, Brasilien oder Kambodscha aufwächst, hat nur 1860 Quadratmeter pro Kopf zur Verfügung. Auf dem Fußballfeld ist der Rest der Welt fast auf der Höhe des eigenen Strafraums eingeschnürt. Befreiungsschläge sind kaum möglich. Der Flächen-Fußabdruck zeigt: Wer seinen Fuß irgendwo hinstellt, kommt gar nicht bis auf die Erde - denn dort steht schon ein anderer Fuß. Oder ein Huf.

Die Bewohner des Nordens essen ja gar nicht so viel mehr als andere, aber sie essen weit mehr Fleisch. Und die Tiere brauchen Futtermittel. In Brake an der Unterweser löschen die Sojafrachter aus Südamerika ihre Ladung. Das Pflanzenfutter, das über den Ozean kam, landet dann in den Mägen der Schweine in der Region Weser-Ems. „Der Fleischkonsum ist eine zentrale Größe beim Flächen-Fußabdruck“, sagt Weigelt. Nicht nur der Wissenschaftler fragt sich: „Muss die Produktion wirklich derart intensiv sein, sowohl im Soja-Anbau in Südamerika als auch in der Schweinezucht in Niedersachsen?“

Das Gift

Die Gülle aus den Mastbetrieben wird wiederum exportiert, zwar nicht über den Ozean, aber durchaus einige Hundert Kilometer weit. Aus Oldenburg in die Region Hannover (700 000 Tonnen jährlich), in die Region Lüneburg (390 000 Tonnen), in die Region Braunschweig (150 000 Tonnen), in andere Bundesländer und ins Ausland (550 000 Tonnen pro Jahr). Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) fordert, die Gülleeinträge „unbedingt zu verringern“. Wenzel warnt: „Mit der Gülle werden dabei nicht nur Spurenstoffe wie Tierarzneimittel, Antibiotika und Hormone, sondern möglicherweise auch resistente Keime ausgebracht. Er fordert gegenüber dieser Zeitung Nachbesserungen im aktuellen Verfahren zur Neufassung der Düngeverordnung.

Wer nicht mit Gülle düngt, sondern mit Mineraldünger, bringt andere Gifte in den Boden ein. Phosphatdünger ist oft stark mit Kadmium belastet, einem giftigen Schwermetall. Wenn Kadmium in die Nahrung gelangt, kann es Nierenschäden, Krebs und Knochenerweichen hervorrufen, warnt die Tübinger Umweltwissenschaftlerin Eva-Marie Mühe. Sie arbeitet an einer Lösung: Im Harz hat sie die Hallersche Schaumkresse gefunden – und das Bakterium Geobacter metallireducens. Die Bakterien, sagt sie, „knabbern Minerale oder Bodenpartikel an, das Kadmium wird freigesetzt, und Pflanzen nehmen es auf“. Der Boden lebt, und manchmal heilt er sich selbst.

Der Landwirt

Daniel Schacht stößt den Spaten in die Erde und zieht eine der kleinen, grünen Pflanzen des Winterroggens heraus. Schwarze Erde bröselt zwischen den Wurzeln. Schacht ist zufrieden, „So soll der Boden sein“, sagt der junge Landwirt. „Locker, voll organischem Material, gut durchfeuchtet.“ Der Roggen macht ihm hingegen Sorgen: „Der ist zu weit“, sagt Schacht und zeigt auf die Triebe. „Da sind schon vier zu sehen, jetzt im Februar dürften es erst zwei sein. Es war zu warm. Aber auch wenn jetzt Frost kommt, der Roggen ist zäh, der hält das aus.“ Der 30-Jährige ist Juniorchef der Darez GmbH, einem der großen Betriebe in Ostdeutschland, die aus den früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) hervorgingen. 1000 Hektar bewirtschaftet der Betrieb, zwei Drittel sind eigene Fläche, der Rest wird dazugepachtet. Sie bauen Roggen, Mais, Kartoffeln, Weizen, Gerste, Sonnenblumen und Hafer an, halten 200 Milchkühe und sorgen für die eigene Nachzucht. 20 Mitarbeiter hat die Firma und natürlich auch eine Biogasanlage.

Bodenpunkte

Die Böden in Brandenburg sind nicht toll, was Schacht in Bodenpunkten ausdrücken kann oder mit der Fingerprobe. An den wenigen guten Stellen hat sein weitläufiger Acker 35 Punkte auf einer Skala von null bis hundert, das ist schon ganz okay und hat mit dem sprichwörtlichen märkischen Sand nicht viel zu tun. Zwar rinnt auch der Boden auf Schachts Feld fast rückstandsfrei durch die Finger. Fettere Erde würde kleben bleiben. Doch die Fingerkuppen bleiben schwarz, nachdem sie die Ackerkrume zerrieben haben. Da bleiben Partikel hängen, Humus. Mit dem Boden kann man was anfangen.

Landgrabbing

Das haben inzwischen auch Mitspieler gemerkt, die nicht Pflanzen, sondern Kapital erblühen sehen wollen. Ackerland ist in der aktuellen Niedrigzinsphase zum begehrten Investitionsobjekt geworden. Investoren, sowohl Privatleute als auch Fonds und Konzerne, treiben die Preise in Höhen, bei denen der konservativ kalkulierende Landwirt nicht mehr mitkommt. Agrarökonomen streiten noch darum, ob es diesen Zusammenhang gibt. Ihre beruhigend gemeinten Sätze sorgen bei Landwirten wie Daniel Schacht für neue Unruhe.

„Die Preise folgen ökonomischen Rahmenbedingungen, und die Marktmechanismen funktionieren ganz überwiegend. Es gibt nur ein partielles Marktversagen“, sagt etwa der Hallenser Agrarökonomie-Professor Alfons Balmann. Für Schacht ist das ein neuer Unsicherheitsfaktor. Seine Investitionen, wie etwa die Biogasanlage oder ein neuer Stall, sind auf 25 Jahre Abschreibung angelegt, Pachtverträge werden für zwölf Jahre abgeschlossen. Wenn sich zwischendrin eine Bodenblase bildet, steht das auf Generationen angelegte Geschäftsmodell des Agrarbetriebs auf der Kippe. Im Jahr 2000 kostete ein Hektar Ackerland mit 25 Bodenpunkten in Brandenburg noch 2000 Euro, dieses Jahr werden bis zu 8000 Euro bezahlt. Auch der Boden-Forscher Jes Weigelt warnt: „Die Bodenpreise steigen. Damit wird die Pacht oder der Flächenerwerb für manche Betriebe zu teuer.“ Er sagt aber auch, Landwirtschaft lohne sich wieder, in Deutschland ebenso wie weltweit.

Der Kampf um den Acker

Dass sich die Mühen auf dem Acker und im Stall wieder lohnen, bestreitet auch Schacht nicht. „Für Getreide habe ich jetzt einen Mindestpreis, das war lange nicht so“, sagt er. Das ist der Preis, den die Biosprit-Raffinerie zahlt. Wenn die Preise nach einer guten Ernte im Keller sind, wird der Roggen eben verheizt und nicht gemahlen. Für den Bauern ist das gut, aber ist es ethisch vertretbar? Schacht zweifelt. „Wir müssen eine gesunde Balance finden zwischen Ernährung und Energie.“ Für den Bodenatlas hat Jes Weigelts Team die Energie-Rentabilität verschiedener Bioenergiequellen ausgerechnet. Will man mit Biodiesel aus Raps eine 20-Watt-Glühbirne ein Jahr lang leuchten lassen, sind 100 Quadratmeter Land nötig. Bei Biogas aus Maissilage sind es 50 Quadratmeter, bei Windrädern nur acht Quadratmeter. Auch Schacht ist gegen die flächendeckende Vermaisung und Verrapsung der Landschaft. Obwohl er daran verdient.

Flächenfraß

„Da hinten, das war eine schmale Straße, sie ist jetzt die wichtigste Zufahrt zum Gewerbegebiet und wurde verbreitert. Das hat uns drei Hektar gekostet“, zählt Daniel Schacht auf. Dann zeigt er zum Waldrand. „Hier drunter liegt jetzt die Anbindung an die neue Ostsee-Pipeline. Dafür wurde Wald gefällt und anderswo aufgeforstet. Dadurch haben wir noch mal vier Hektar verloren.“ Der Landwirt auf seinem Acker zeigt in die Ferne. „Dort hinten sollen Windräder gebaut werden, dafür wird auch Wald gerodet, also müssen Ausgleichsflächen geschaffen werden. Und wo passiert das? Auf Ackerland, noch mal 40 Hektar Fläche weg.“ Die riesigen ehemaligen Truppenübungsplätze der Gegend aber würden nicht saniert, die Altlasten blieben im Boden. „Da könnte man doch aufforsten. Aber hier ist es eben einfacher.“ Existenzbedrohend ist noch nichts davon, bei 3000 Hektar Gesamtfläche von Schachts Betrieb. Der Flächenfraß nagt nur ein bisschen an den Rändern. Aber er nagt.

Täglich hundert Fußballfelder, diesmal ganze. So viel Fläche wird in Deutschland durchschnittlich für Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt. 73 Hektar. Pro Tag. Forscher Weigelt warnt vor den Flächenfraßfolgen: „Damit gehen Wasserspeicherkapazität, Kohlenstoffspeicherboden und organische Bodensubstanzen, also Humus verloren.“ In der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist angestrebt, bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar pro Tag herunterzukommen. Das ist bisher nicht mehr als ein Wunsch, ebenso die geplante Absenkung von neun auf drei Hektar in Niedersachsen.Im Umweltministerium in Hannover hat Hausherr Stefan Wenzel (Grüne), selbst gelernter Agrarökonom, immerhin eine konkrete Strategie: „Wir wollen eine konsequente Entsiegelung von Böden dort, wo es sinnvoll und möglich ist“, sagt er. Außerdem sollen innerstädtische Baulücken und ehemaliger Gewerbe- und Industriestandorte genutzt werden.

Terroir

Karsten Wittke lebt im Spagat, seit er mit seiner Familie von Berlin aufs Land gezogen ist, nach Baruth in Brandenburg am Rande des Fläming. Er ist Künstler, Weinbauer in der Kulturgruppe i-ku/Institut zur Entwicklung des ländlichen Kulturraums um den Baruther Weinberg, Stadtverordneter, Aktivist und Beobachter. Er hat Wurzeln geschlagen in Baruth und Reben gepflanzt. Er hat den Boden kennengelernt, als Ackerfläche und als das, was man Heimat nennt: als Erinnerungsspeicher. „Helios“, „Johanniter“ und „Solaris“ sind Wittkes ständige Begleiter geworden: Es sind pilzresistente Weinsorten, speziell geeignet für den Einsatz im nördlichen Klima. Ein Hektar Weinbergslandschaft unter Reben ist so im kargen Brandenburg entstanden, umsäumt von Kiefern, was die südliche Anmutung des Ganzen bricht und den Betrachter wiederum erdet. Der Boden ist sandig, speichert kaum Wasser. Der Mühlenberg steigt hinter der zentralen Kreuzung von Baruth an. Hier endet das Urstromtal mit seinen Niedermooren, es beginnt der sandige Höhenzug. Wir wollen genau sein: Geschiebedecksand über Schmelzwassersand. „Ohne Bewässerung geht es hier nicht“, sagt Wittke. Es ist eine der vielen Lektionen, die ihm das Land und der Boden erteilt haben.

Es waren Lektionen für Städter: Der Weinberg war eine Idee von zugezogenen Stadtmenschen, die sich hier auf dem Land Gedanken machten über die Zukunft der Regionen am Rand. Über Gegenden wie Baruth. Sie hatten sich in einer Initiative zusammengeschlossen und suchten nun nach einem Projekt, mit dem sie Brücken zu den Einheimischen bauen konnten. Die Geschichte des Bodens bot sich an, sie war greifbar und augenfällig. Und so waren es die Städter, die in der früheren Ackerbürgerstadt Baruth, die heute dank der Holzverarbeitung in den Industriegebieten am Ortsrand boomt, mit Landwirtschaft begannen. Seit dem Mittelalter hatte es in Baruth Weinanbau gegeben, die Neuen haben eine verschüttete Tradition freigelegt.

Der „Baruther Goldstaub“ wird in edlen 0,5-Liter-Flaschen verkauft, er ist leicht, aber ausdrucksstark. Karsten Wittke ist sich sicher, dass man den Boden schmeckt. Er erzählt eine Anekdote aus einer Weinverkostung: „Ein kleines bisschen Marienkäfernote“ sei im Wein, hatte der Kellermeister Ingo Hanke herausgeschmeckt. Das war ausgerechnet der Jahrgang 2010, als der gelb-schwarze Asiatische Marienkäfer den Weinberg plagegleich heimgesucht hatte.

Heimat

Am Anfang waren es die Überbleibsel der Vergangenheit, die Wittke und seine Mit-Weinbauern aus dem Boden holten. Der Hang, auf dem heute die Reben stehen, war zuvor einmal als Motocross-Strecke genutzt worden. Reifen und Plastik holten die angehenden Winzer vom Hang. Immerhin waren es zivile Überreste. In den Wäldern rund um Baruth findet sich auch anderes: Helme, Koppel, Gewehre, Granaten.

Der Boden vergisst nichts. Nicht selten über Tausende von Jahren hinweg: Bei Kalkriese im Osnabrücker Land wurden die Überreste einer Schlacht gefunden, wahrscheinlich der Varusschlacht. Die Speere und Schilde lagen verborgen und konserviert unter Plaggeneschen. Der Name dieses Bodens erinnert an die Plackerei der Bauern: Plaggen waren schwere, durchwurzelte Bodenplatten, die als Einstreu im Stall genutzt wurden. Mit den Ausscheidungen des Viehs gedüngt, wurden sie zum hofnahen Acker, dem Esch, gefahren, so konnte der nährstoffarme Geestboden gedüngt und fruchtbar gemacht werden.

Im Sand der brandenburgischen Kiefernwälder um Baruth aber liegen die Kriegsrelikte offen herum. Hier tobte in den letzten Kriegstagen die Kesselschlacht von Halbe. Überbleibsel des Krieges gibt es hier genug, und es gibt auch viele Männer, die mit Metalldetektoren durch den Wald pirschen. In vielen Scheunen stehen hier liebevoll restaurierte Militärfahrzeuge mit Eisernem Kreuz oder Sowjetstern, die zu Oldtimer-Paraden über die Dörfer tuckern. Warum ihre Besitzer das Militärische, das Blut am Boden, so fasziniert, ist oft nicht ganz klar. Dass Heimat und Historie gerade in so einer Region Begriffe sind, die von neovölkischen Kadern und ihren Sympathisanten besetzt werden, ist jedoch eindeutig. Der Weinberg steht für einen anderen, zivileren Umgang mit diesem problematischen Boden. Der „Baruther Goldstaub“ ist ein sehr politischer Tropfen.

Von Jan Sternberg

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