Hintergrund

Vorsorgliche Brustentfernung kann Leben retten

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Foto: Im Jahr 2010 kam eine internationale Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt "Jama" zu dem Ergebnis, dass für Frauen mit BRCA1 oder BRCA2-Mutationen die operative Entfernung von Brustdrüsen und Eierstöcken offenbar der sicherste Weg ist, um Krebserkrankungen zu vermeiden.

Berlin - Frauen, die ein „Brustkrebsgen“ in sich tragen, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Eine Vorsorgemöglichkeit ist, sich die Brust präventiv abnehmen zu lassen. Das tat jetzt US-Schauspielerin Angelina Jolie („Lara Croft“) – und machte den Schritt mutig öffentlich. Experten beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema

Welche Art von Krebs kann einen solchen Eingriff erfordern? In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 50 000 Frauen an Brustkrebs, etwa sieben Prozent von ihnen haben eine familiäre Anlage dazu: Sie haben die mutierten "Brustkrebsgene" BRCA 1, BRCA oder das jüngst entdeckte RAD51C. Oft sind in ihren Familien bereits andere Frauen - oder auch Männer - an Brustkrebs erkrankt oder gestorben. Für diese Frauen kann wegen des erhöhten familiären Risikos ein vorsorgliche Brustamputation (Mastektomie) in Betracht kommen.

Wie hoch ist das Risiko, mit diesen Genen tatsächlich an Krebs zu erkranken? Etwa 70 bis 80 Prozent der Frauen, bei denen die mutierten Gene nachgewiesen wurden, erkranken irgendwann in ihrem Leben an Brust- oder Eierstockkrebs. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung bekommen zeitlebens nur zehn bis zwölf Prozent der Frauen Krebs.

Wie kann ich mich über ein solches Risiko informieren? Falls es in der Familie bereits Fälle gibt, können Frauen sich an eines der 15 spezialisierten Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs bundesweit wenden. Dort werden sie ausführlich beraten und können einen Gentest machen lassen. Wird tatsächlich ein "Brustkrebsgen" nachgewiesen, greift ein intensives Vorsorgeprogramm.

Welche Früherkennungs- und Vorsorgemethoden gibt es? Risikopatientinnen werden in den Brustkrebs-Zentren halbjährlich untersucht: Gestaffelt nach ihrem Alter greifen Ultraschall, Mammographie und gegebenenfalls auch Kernspin eng ineinander. "Das Gros der Frauen wählt diesen Weg", berichtet Expertin Kristin Bosse vom Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Tübingen. "Aber die Zahl derjenigen, die sich für eine vorsorgliche Brustamputation entscheidet, steigt seit Jahren. Auch deshalb, weil die Operationsmethoden immer fortschrittlicher, die kosmetischen Ergebnisse immer besser werden." Etwa jede fünfte Patientin mit Genmutation macht in Deutschland mittlerweile von dieser Möglichkeit Gebrauch. Danach liegt ihr Risiko, Brustkrebs zu bekommen, bei nur mehr fünf Prozent. Eine prophylaktische Chemo-Behandlung hat sich nach Worten Bosses bislang nicht durchgesetzt.

Wird die Brust wieder aufgebaut? Welche Methoden gibt es? In den meisten Fällen wird die Brust gleich nach der Entnahme des Brustdrüsengewebes wieder mit einem Implantat aufgebaut - in einer einzigen Operation. "Die Patientin entscheidet zuvor gemeinsam mit dem Arzt, ob die Brustwarze erhalten werden soll", sagt Bosse. Für letzteres muss auch ein Teil der Brustdrüse bleiben - was das Risiko für Krebs wieder leicht erhöhen kann. Implantate sind unkompliziert einzusetzen, können im Verlauf der Jahre aber Probleme bereiten und sich schmerzhaft verkapseln. Deshalb entscheidet sich ein kleinerer Teil der Frauen dafür, die Brust mit eigenem Körpergewebe wieder aufzubauen. "Das ist etwas für die Ewigkeit", sagt Bosse. Allerdings sind dazu mehrere Operationen nötig, auch zur Entnahme des Unterhautfettgewebes an anderen Körperstellen.

Wer bezahlt das? Der Gentest, der mehrere tausend Euro kostet, wird von den Krankenkassen gezahlt. Auch das intensive Vorsorgeprogramm für Risikopatienten übernehmen die Kassen. Für die prophylaktische Brustentfernung mit anschließendem Wiederaufbau der Brust sollte bei den Kassen vorher ein Gutachten des Brustzentrums und ein Kostenvoranschlag eingereicht werden. "Aber dann gibt es in der Regel keine Probleme, dass die Kassen zahlen", sagt Bosse.

Hintergrund: Mutation des Gens BRCA1 kann Brustkrebs auslösen

Die Erbanlage BRCA1 gehört zur körpereigenen Krebsabwehr. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Kontrolle der Zellteilung und aktiviert das Selbstmordprogramm einer Zelle, wenn die DNA nicht korrekt verdoppelt wird. Ist dieses Gen defekt, steigt das Krebsrisiko. Die Bedeutung von BRCA1 („Breast Cancer 1“, Brustkrebs 1) für Brustkrebs wurde 1994 entdeckt. Bei Frauen mit Mutationen in diesem Gen steigt das Risiko für Brusttumore auf bis zu 80 Prozent.

Inzwischen wurden mehrere weitere Erbanlagen gefunden, die das Brustkrebsrisiko erhöhen, darunter die Erbanalage BRCA2. Mutationen im BRCA1- oder BRCA2-Gen sind wahrscheinlich für etwa zwei Drittel der familiären Mammakarzinome verantwortlich. Darüber hinaus können dieses Mutationen das Risiko für andere Krebsarten erhöhen. So wird die Wahrscheinlichkeit einen Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) zu entwickeln, bei einer BRCA1-Mutation zum Beispiel auf rund 50 Prozent geschätzt.Die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 finden sich allerdings nur bei wenigen Patientinnen. Experten gehen heute davon aus, dass höchstens fünf bis zehn von hundert Brustkrebspatientinnen ein vererbtes oder vererbbares Risiko aufweisen.

Im Jahr 2010 kam eine internationale Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt „Jama“ zu dem Ergebnis, dass für Frauen mit BRCA1 oder BRCA2-Mutationen die operative Entfernung von Brustdrüsen und Eierstöcken offenbar der sicherste Weg ist, um Krebserkrankungen zu vermeiden. Denn sie hätten ein Lebenszeitrisiko von 56 bis 84 Prozent, an einem Mammakarzinom zu erkranken.

Von den 2482 Frauen, die an 22 Zentren in den USA, Großbritannien und den Niederlanden im Rahmen der Studie betreut werden, entschieden sich aber nur 18 Prozent für eine Entfernung der Brustdrüse. In drei Jahren der Nachbeobachtung kam es bei keiner dieser Frauen zum Brustkrebs. Das war allerdings bei sieben Prozent der Frauen der Fall, die sich gegen eine Operation und für ein reines Screening zur Kontrolle entschieden hatten, zitiert das Deutsche Ärzteblatt die Studie.

Brustkrebs ist in Deutschland und generell in Ländern der industrialisierten Welt die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Im Jahr 2008 wurde die Diagnose in Deutschland bei fast 72 000 Patientinnen erstmals gestellt. Rund 17.000 Frauen starben an Brustkrebs. Für 2012 gehen die deutschen Krebsregister von rund 74 500 Frauen aus, die neu an Brustkrebs erkrankt sind.

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