Astronauten-Legende

"Weltraum-Opa" John Glenn feiert 90. Geburtstag

Washington - Mehr als John Glenn kann ein Mensch in seinem Leben kaum erreichen. Astronauten-Legende, Spitzenpolitiker - und immer noch topfit. Jetzt wird der Rekord-Raumfahrer 90 Jahre alt.

Man sagt, Katzen hätten sieben Leben. Im Falle von John Glenn muss es heißen, der Mann hatte wahrscheinlich sieben Karrieren. Berühmt wurde er 1962 als erster Amerikaner, der im Weltall die Erde umrundete. Und dann 36 Jahre später noch einmal als ältester Astronaut, der es in den Orbit schaffte. Doch das waren nur Höhepunkte eines Lebens, das für den Sohn eines Eisenbahnschaffners aus Ohio so viel mehr zu bieten hatte. Am Montag (18. Juli) wird „der nationale Held“ 90 Jahre alt, doch Bilanz ziehen will er noch lange nicht.

Farbfernsehen gab es nicht, kein Internet, selbst die Beatles waren noch keine Superstars. Da zwängte sich am 20. Februar 1962 ein 40-Jähriger auf dem Weltraumbahnhof in Cape Canaveral in Florida in die winzige Mercury-Kapsel „Friendship 7“ auf der Spitze einer Atlasrakete und schrieb Geschichte. Als erster US-Raumfahrer umrundete Glenn in knapp fünf Stunden den Planeten. Manchem hätte die mit Konfettiparaden gefeierte Leistung für den verdienten Gang in den Ruhestand genügt.

Doch nicht ihm, dem Patrioten. Nach einem Mathematikstudium war er 1942 als Kadett zu den Marinefliegern gekommen. Schon zwei Jahre später flog er im Zweiten Weltkrieg von den Marshall-Inseln aus rund 60 Kampfeinsätze im Pazifik, Jahre später während des Korea-Feldzugs noch einmal so viele. Er zählte zu erfolgreichsten Piloten seiner Zeit, wurde dutzendfach dekoriert. Dann testete er als Versuchsflieger neue Flugzeuge und wurde so schließlich Astronaut.

So richtig kam er aber nie darüber hinweg, nur der dritte und nicht der erste US-Bürger im Weltraum gewesen zu sein. Diese größere Ehre wurde Alan B. Shepard zuteil, der am 5. Mai 1961 an Bord einer Mercury-Kapsel ins All geschossen wurde und wenige Sekunden in der Schwerelosigkeit verbrachte. Glenn hatte sich der Sage nach mit einem Wutausbruch die Chance auf diese Pole-Position selbst verbaut.

Genugtuung verschaffte Glenn sein später Rekord

Das Mitglied der Presbyterianer-Kirche rief seine lebenslustigen Astronautenkollegen 1961 recht harsch dazu auf, nicht jeder Frau hinterher zu rennen, weil sie damit den Ruf des gesamten Raumfahrtprogramms gefährdeten. Die verärgerten Kollegen rächten sich und stimmten dagegen, dass Glenn als erster oder zweiter Amerikaner ins All fliegt.

Genugtuung dürfte ihm erst sein später Rekord verschafft haben: Kein Astronaut zuvor war so alt wie Glenn mit 77 Jahren, als er am 29. Oktober 1998 unter den Augen von Millionen begeisterten Zuschauern an den Farbfernsehern mit dem Space Shuttle „Discovery“ zu einem neuntägigen Weltraumeinsatz startete. Er überstand ihn problemlos.

Die Raumfahrtbehörde Nasa gab an, einen wissenschaftlichen Nutzen in seiner Reise zu sehen. Kritiker dagegen sprachen von einer reinen PR-Aktion für die damals schon klamme Einrichtung. Glenn selbst meinte alles andere als scherzhaft, er habe beweisen wollen, „dass Senioren eines Tages Urlaub im All machen können“.

Die Zeit zwischen seinen Weltraumflügen nutzte er als erfolgreicher Politiker. 1974 diente ihm sein ungebrochener Ruhm, die Wahlen für den US-Senat zu gewinnen. Den Posten hielt er fast ein Vierteljahrhundert. Doch in der Politik musste der Demokrat auch harte Niederlagen einstecken. 1976 scheiterte er daran, Vize-Präsidentschaftskandidat von Jimmy Carter zu werden. 1984 nahm Glenn einen vergeblichen Anlauf, für seine Partei als Präsidentschaftskandidat ins Rennen zu gehen.

Von der Politik kann Glenn, der seit fast sieben Jahrzehnten mit seiner Frau Anna Margaret verheiratet ist, auch im hohen Alter nie ganz die Finger lassen. An der Universität von Ohio trägt das Institut für den Öffentlichen Dienst seinen Namen. Glenn will damit Jugendliche für Regierungsämter fit machen. Sich selbst hält er mit Gewichtheben und Golf bei Kräften. Dadurch sieht er immer noch so aus, als könne er jederzeit wieder mit der „Friendship 7“ ins All abheben. Und vermutlich will er das auch am liebsten.

dpa

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