Infarkt-Risiko

Wenn Arbeitsstress das Herz krank macht

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Rund 60.000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an einem Herzinfarkt.

Berlin - Rauchen, Trinken, fettes Essen und wenig Bewegung machen Herz und Kreislauf krank. Das hat sich herumgesprochen. Doch auch wachsender Stress bei der Arbeit kann Herzinfarkte auslösen.

In vielen Unternehmen, die oft selbst unter Druck stehen, steigt der Stress. Wachsende Anspannung treibt bei Beschäftigten dann das Herz zu Höchstleistungen. Der Blutdruck steigt - oft chronisch. Dies wiederum lässt die Blutgefäße steif werden. Stresshormone können die Gefäße auch direkt verengen. Am Ende des unheilvollen Kreislaufs erhöht sich das Herzinfarkt-Risiko bei Millionen von Menschen. Das ist im Kern die beunruhigende These, die hinter dem neuen DAK-Gesundheitsreport steckt.

Rund 60 000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an einem Herzinfarkt, überdurchschnittlich oft in Ostdeutschland, Rheinland-Pfalz, Bremen und Niedersachsen. Vor allem Menschen ab 55 sind betroffen, die zuvor lange unter riskanten Umständen gelebt haben - und dies nicht merkten oder verdrängten. Diese Risikogruppe ist in stärkerem Maß als früher noch im Job: Der Anteil der Menschen, die mit 60 bis 65 Jahren noch erwerbstätig sind, hat sich laut DAK-Chef Herbert Rebscher in den vergangenen Jahren knapp verdreifacht.

Und welche Umstände am Arbeitsplatz können konkret krank machen? Die Forscher des Berliner IGES Instituts suchten zunächst nach Menschen in einer speziellen beruflichen Krisensituation, die sogenannte Gratifikationskrise. In diesen Fällen leiden die Leute darunter, dass sie wenig Anerkennung von Vorgesetzten oder Geld bekommen - sich aber trotzdem in oft wachsendem Maß verausgaben. In Deutschland ist fast jeder zehnte Beschäftigte nach einer repräsentativen Umfrage der Forscher im Auftrag der DAK betroffen - sie haben laut Studienautor Hans-Dieter Nolting ein doppelt so hohes Herzinfarktrisiko.

Wachsende Hektik im Büro, ständige Erreichbarkeit durch Smartphones, viel Verantwortung und Überstunden, aber auch die Aussicht auf dauerhaft niedrige Tätigkeiten ohne berufliches Fortkommen - all das kann Beschäftigte unter Stress setzen. Riskant sind missgünstige Kollegen, ein Mangel an Lob, widersprüchliche Anweisungen. Herzinfarkte kommen laut dem Report auch häufiger vor, wenn die Leute ihre Arbeit nicht mehr im Büro schaffen - und deshalb daheim noch weitermachen. Müssen Betroffene krank werden?

„Der Arbeitsstress wirkt besonders toxisch, wenn er etwa mit Schlaflosigkeit oder Problemen zu Hause einhergeht“, sagt der Münchner Medizinprofessor Karl-Heinz Ladwig. Das Leben in einer Partnerschaft oder Familie, in der man sich wohlfühlt, kann Anspannung und entsprechende Risiken vermindern. Wer Angst, Niedergeschlagenheit, Zukunftsängste und düstere Empfindungen, Schlafstörungen, Essattacken hat, viel Alkohol trinkt und raucht - bei dem könnte Stress zu den Ursachen zählen.

„Menschen können sich aber auch durchaus selbst unter Stress setzen“, betont Ladwig. Das zeige sich, wenn jemand keine innere Ruhe hat und oft mit sich unzufrieden oder aggressiv ist. Hier kann tief verwurzelte Selbstunsicherheit der Grund sein.

Steigt die in den vergangenen Jahren deutlich gesunkene Herzinfarkt-Risiko wieder an? Die DAK und die von ihr beauftragten Forscher deuten diese Erwartung an. Es gibt zwar auch oft Einschränkungen wie „möglicherweise“ bei ihren Ergebnissen. Doch dafür, dass Zusammenhänge zwischen Stress und Herz-Kreislauf-System durchaus medizinisch nachgewiesen sind, stimmt es sorgenvoll, wenn Kassenchef Rebscher über Beschäftigte in Daueranspannung sagt: „Obwohl diese Arbeitnehmer um ihr erhöhtes Gefährdungspotenzial wissen, belegt der Report, dass sie sich nicht stärker um ihre Gesundheit kümmern als andere Beschäftigte.“

dpa/r.

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