Sport in der Antarktis

Wenn das Gehirn Winterschlaf hält

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Von der Außenwelt isoliert treiben Probanden hier Sport im Dienst der Wissenschaft.

Köln/Hannover - Fitness gegen den Lagerkoller? Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln wollen in der eisigen Kälte der Antarktis herausfinden, wie Sport das Denken ankurbeln kann.

Neun Monate Winter, Temperaturen von bis zu minus 86 Grad Celsius und vier Monate lang komplette Dunkelheit: Das Überwintern auf einer Forschungsstation in der Antarktis ist wirklich etwas für Hartgesottene. In der Isolation von der Außenwelt leidet nicht nur die Stimmung der Wissenschaftler. Auch ihre Gehirnaktivität nimmt bei dem normalerweise monotonen Tagesablauf mit nur begrenzten Sozialkontakten im Laufe der Zeit messbar ab. Sportliche Betätigung könnte da möglicherweise Abhilfe schaffen, meinen die Experten der Deutschen Sporthochschule Köln – und testen ihre Hypothese vom 1. Januar an auf der Concordia-Forschungsstation in der Ostant­arktis.

In dem internationalen Forschungsteam mit Teilnehmern aus Belgien, Italien und Ungarn ist die Kölner Sportwissenschaftlerin Vera Abeln für Deutschland mit von der Partie. Bevor im Februar der antarktische Sommer zu Ende geht, bleiben der 29-Jährigen gut drei Wochen, um die 15 Überwinterer auf der Concordia-Station zu dem auf ein Jahr angelegten Sportprogramm zu motivieren und den Stationsarzt für die regelmäßige Überwachung der körperlichen und geistigen Fitness zu schulen. Danach ist die Station bis zum November 2012 von der Außenwelt abgeschnitten.

Wie sich die Isolation auf den Menschen auswirkt, konnten Abeln und ihre Kollegen von der Sporthochschule bereits beim „Mars 500“-Projekt beobachten, bei dem sechs Freiwillige rund anderthalb Jahre lang in Moskau einen Marsflug simulierten. „Wir haben gesehen, dass die Gehirnaktivität bei den Probanden abgenommen hat“, sagt Abeln. Das Gehirn gehe bei dem für die Isolation typischen Mangel an Außenreizen und Sozialkontakten quasi in den Winterschlaf. „Die gute Nachricht ist: Sport schafft es, das Gehirn wieder zu aktivieren“, sagt Abeln. Ob das auch für die Extremsituation einer Antarktis-Überwinterung gilt, wollen die Sportwissenschaftler nun 2012 testen und werden dafür unter anderem von der Europäischen Weltraumorganisation und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt unterstützt.

Alle Wissenschaftler auf der Concordia-Station, die an dem freiwilligen Programm teilnehmen, werden zunächst auf ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit hin untersucht, sie führen ein Schlaftagebuch und müssen psychische und soziale Tests durchlaufen. Anschließend erhält jeder ein speziell auf ihn zugeschnittenes Ausdauersportprogramm auf dem Laufband oder Fahrradergometer, dessen Anforderungen stufenweise ansteigen. „Beim Versuchsablauf mussten wir uns an den begrenzten Möglichkeiten auf der Station orientieren“, berichtet Abeln.

Sport an der frischen Luft dagegen ist wegen der ungemütlichen Wetterverhältnisse im antarktischen Winter kaum möglich. Bestätigt sich ihre Hypothese von der positiven Wirkung des Sports, wollen Abeln und ihre Kollegen in einem zweiten Schritt verschiedene Sportarten testen, um der effektivsten Fitnessmethode auf die Spur zu kommen.

Ihre Ergebnisse könnten dann unter anderem für Weltraumprojekte nützlich sein. In ihrem Blog beschreibt Vera Abeln ihre Eindrücke während des Aufenthalts in der Antarktis.

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