Tödlicher Virus

Westafrikas verstoßene Ebola-Waisen

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Monrovia - Der Ebola-Ausbruch in Westafrika hat Tausende Kinder zu Waisen gemacht. Aus Angst vor dem tödlichen Virus will sich niemand um die Kinder kümmern. Auf den Straßen kämpfen sie ums Überleben.

Moses und Joshua wissen nicht, wohin. Drei Wochen lang waren der sechsjährige Joshua und sein 13 Jahre alter Bruder in der Quarantänestation in Dolo’s Town, im Norden Liberias. Ihre Eltern sind tot, gestorben an Ebola. Die Jungen sind gesund, aber Verwandte, Freunde und Nachbarn weigern sich, sie aufzunehmen. Sie haben Angst, sich anzustecken.

Ebola tötet nicht nur Menschen, der Virus zerstört auch den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Bevor ein Helfer sie fand, hatten Joshua und Moses eine Woche allein gehaust. „Alle anderen Bewohner ihres Hauses sind verschwunden, weggelaufen, nachdem die Eltern der Jungen starben“, erzählt ihr Retter. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass Tausende Kinder seit Bekanntwerden des ersten Falles in Guinea im vergangenen Dezember zu Ebola-Waisen wurden.

Die Kinder sind nicht nur durch den Verlust ihrer Eltern traumatisiert, sie werden zudem von der Gesellschaft verstoßen. Viele Menschen glauben, die Waisen brächten nur Krankheit, Pech und Schwierigkeiten, warnt Unicef. Viele Waisen kämpfen auf den Straßen ums nackte Überleben. In Liberia ist jedes fünfte Waisenkind jünger als zwei Jahre und damit besonders gefährdet, sagt Unicef-Vertreter Sheldon Yett. Die Kindersterblichkeit sei in Liberia seit dem Ende des Bürgerkrieges 2003 stark gesunken, aber: „Ebola droht, all diese Fortschritte zunichtezumachen.“

Henry Bunch Garneo von der Kinderhilfsorganisation NCYAB beschreibt den täglichen Horror: Ein Mädchen sei verhungert, denn niemand habe sich in ihre Nähe getraut, nachdem ihre Eltern an Ebola gestorben waren, sagte er der Zeitung „Liberian Observer“. Jeden Tag gebe es neue Berichte über vernachlässigte Kinder. Informationsminister Lewis Brown forderte die Bevölkerung auf, Waisen zu helfen, „anstatt sie im Stich zu lassen.“ Nur Wenige folgten seinem Aufruf.

Auch im benachbarten Sierra Leone sind Kinder nach dem Tod ihrer Eltern oft sich selbst überlassen oder werden verstoßen. „Die Angehörigen haben Angst, sich zu infizieren“, sagt Emmanuel Woode, Direktor der SOS-Kinderdörfer in dem westafrikanischen Land, laut einer Mitteilung. Dramatisch sei die Lage im vollständig abgeriegelten Quarantänegebiet Kenema. Dort würden selbst die „Ebola-Teams“ die Kranken nicht berühren. „Das ist absurd“, sagt Woode. Es sei ein Rätsel, wie unter diesen Umständen Menschen versorgt werden sollen.

Für die drei Kinderdörfer in Kenema gelte Ausgangs- und Zugangssperre, sagt Woode. Ebola-Waisen, die bei einer lokalen Hilfsorganisation Zuflucht gefunden haben, erhielten aber Nothilfe. Mehr sei derzeit nicht möglich. „Es mag hart klingen, aber wir müssen erst unsere Kinder und Mitarbeiter schützen.“

Die Organisation Pikin-to-Pikin Movement kümmert sich um Hunderte Ebola-Waisen in Sierra Leone. Jede Woche kämen zwischen zehn und 15 Kinder in den Übergangsheimen von Pikin an, sagt Manager Sheku Tarawalie. Die Jüngsten sind nicht einmal ein Jahr alt. „Sie werden wie Feinde behandelt“, sagt Tarawalie. „Es gibt keine Freundschaft mehr. Niemand will mit ihnen spielen oder ihnen Essen geben. Sie müssen für sich selbst sorgen.“

Die Kinder würden besondere medizinische und psychologische Betreuung benötigen, sagt er. Viele hätten sich um kranke Familienmitglieder gekümmert - und zusehen müssen, wie diese starben. In den am schlimmsten betroffenen Staaten - Liberia, Sierra Leone und Guinea - fehlen für eine Betreuung der Kinder die Mittel. Die ohnehin schwachen Gesundheitssysteme können nicht einmal den akuten Erkrankungen Herr werden.

Nur wenige Waisen haben Glück im Unglück wie die 21 Monate alte Issata. Eine freiwillige Helferin adoptierte das kleine Mädchen, nachdem ihre Eltern an dem Virus gestorben waren. „Wir werden klarkommen“, sagt Jaminatu, die neue Adoptivmutter, den Unicef-Mitarbeitern. Die alleinerziehende Frau hat bereits zwei Kinder. Sie hoffe, dass Issata eines Tages vielleicht Ärztin werde, sagt Jaminatu. Issata sei stark, sie habe schließlich Ebola überlebt.

dpa

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