Eltern droht Entzug des Sorgerechts

Zahl notorischer Schulschwänzer steigt landesweit

+
Die Zahl der notorischen Schulschwänzer ist landesweit gestiegen.

Hannover/Braunschweig - Wenn das Kind dauernd die Schule schwänzt, droht Eltern in Hannover neuerdings der Entzug von Teilen des Sorgerechts. In anderen Städten wird diese Maßnahme kritisch gesehen.

Hartnäckige Schulschwänzer sind in allen niedersächsischen Städten ein großes Problem. Die Kommunen haben bereits zahlreiche Programme aufgelegt, um lernunwillige Jugendliche zurück auf die Schulbank zu bringen. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Die Zahl der Schulverweigerer ist insgesamt landesweit in den letzten fünf Jahren gestiegen. Das hat möglicherweise auch damit zu tun, dass das Problem konsequenter angepackt wird als in der Vergangenheit. Schulen zeigen Schwänzer früher an, wenn pädagogische Maßnahmen nicht fruchten.

In Hannover entzieht das Amtsgericht in besonders schweren Fällen den Eltern seit Dezember sogar das Sorgerecht in schulischen Dingen. Den Jugendlichen wird ein Betreuer zur Seite gestellt, der für Bildungsangelegenheiten verantwortlich ist. Hat das permanente Fehlen psychische Ursachen, ist auch ein Entzug des Sorgerechts in Gesundheitsdingen möglich.

Dieser Eingriff in die Rechte der Eltern wird in anderen Städten kritisch gesehen. Der partielle Sorgerechtsentzug sei nicht zielführend, ließ Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) im Nachbarland Bremen mitteilen. Eltern müssten in die Verantwortung hineingeholt werden, statt diese abzugeben. Auch Osnabrück lehnt einen Sorgerechtsentzug für Eltern schwänzender Kinder ab.

Die niedersächsischen Landeshauptstadt verhängte im vergangenen Jahr in 1119 Fällen Bußgelder gegen Schulschwänzer, 2010 waren es noch 937 Fälle. „Unser Anliegen ist, frühzeitig bei Schulversäumnissen tätig zu werden“, sagte eine Stadtsprecherin. In einzelnen Fällen könne ein Ergänzungspfleger eine sinnvolle Maßnahme sein, aber nur wenn der Schüler die Unterstützung dieses Betreuers auch akzeptiere. Zahlreiche Projekte richten sich an schulmüde Jugendliche. Dabei geht es darum, ihnen eine Tagesstruktur mit Unterricht und kreativer Arbeit zu bieten, um sie wieder an einen regelmäßigen Schulbesuch heranzuführen.

In Braunschweig wurden 2011 in 463 Fällen Bußgelder erlassen, 2010 waren es 409 Fälle. Die Zahl der Anzeigen sei von 269 im Jahr 2000 auf 679 im vergangenen Jahr gestiegen, teilte die Stadt mit. Dies liege auch am konsequenteren Verfolgen von Schulschwänzern. Bei Minderjährigen zahlen die Eltern in der Regel das Bußgeld. Bei über 14-Jährigen wird es meist in Arbeitsstunden, seltener auch in Jugendarrest umgewandelt.

Eine wichtige Rolle spielen die Schulsozialarbeiter. Das Angebot ist aber nach Angaben der Stadt nicht an allen Schulen ausreichend, deshalb gibt es seit 2009 die „Koordinierungsstelle Schulverweigerung - die 2. Chance“. Hier werden schulmüde Schüler intensiv betreut und etwa morgens abgeholt und für einige Wochen zur Schule begleitet.

Göttingen verzeichnete im vergangenen Jahr 330 Bußgeld-Verfahren wegen Schulverweigerung, zehn Jahre zuvor waren es nur 174 Verfahren. Das Jugendamt werde in jedem Fall informiert, berichtete ein Stadtsprecher. In Wilhelmshaven stieg die Zahl von 60 Fällen 2003 auf 130 Fälle 2011. Etwa 50 Prozent waren nach Angaben der Stadt Berufsschüler. Auch in anderen Städten ist das Problem an Haupt- und Berufsschulen besonders gravierend.

Osnabrück verzeichnet einen Rückgang der Zahl der Schulschwänzer seit vor vier Jahren ein Präventionsprogramm eingeführt wurde. 2011 wurden 334 Bußgeldbescheide erlassen, im Vorjahr waren es mit 329 weniger. Das Jugendamt werde in jedem Fall eingeschaltet, berichtete der Fachbereichsleiter Schule und Sport, Hans-Georg Freund.

Im ostfriesischen Landkreis Aurich sanken die Fallzahlen leicht von 309 im Jahr 2007 auf 278 im Jahr 2011. „Die Schulen sollten sich eher melden. Sie warten oft zu lange ab“, kritisierte ein Landkreissprecher.

In Wolfsburg ist die Zahl der Schulschwänzer nach Angaben der Stadt konstant, sie liegt bei 3,6 Prozent bis 4,9 Prozent im Schuljahr. Der Teil-Entzug des Sorgerechts sei das letztmögliche Mittel, er werde aber nur in unter fünf Fällen pro Jahr notwendig, teilte die Stadt mit.

Die Höhe der Bußgelder schwankt in den Städten zwischen 50 Euro und 230 Euro bei der ersten Anzeige. Bei den Schwänzern sind die Jungen in den meisten Städten leicht in der Mehrheit.

In der Stadtgemeinde Bremen bewegt sich die Zahl der Schulverweigerer relativ konstant zwischen 500 und 600 Schülern. Zunächst seien die Schulen in der Pflicht, dem Problem nachzugehen, heißt es aus dem Bildungssenat. Zum Umgang mit Schulverweigerung gibt es einen Handlungsleitfaden für die Lehrer. Auch in der Hansestadt gibt es fünf regionale Projekte für schulmüde Jugendliche.

dpa

Kommentare