Testsysteme statt Chimären

Zehn Jahre Stammzellenforschung

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Foto: Die Stammzellenforschung wird zehn Jahre alt.

Berlin - Grauenhafte Chimären werden geschaffen, warnten die einen. Etliche Krankheiten können geheilt werden, prophezeiten andere. Zehn Jahre nach Verabschiedung des deutschen Stammzellgesetzes ist klar, dass es vor allem eines gab – und geben wird: viele kleine Schritte.

Als es gelang, menschliche embryonale Stammzellen im Labor zu züchten, kam Goldgräberstimmung auf. Nah schien das Ziel, nach Belieben Gewebe zu züchten, um Krankheiten zu heilen. Für die Zellen mussten Embryonen zerstört werden. Deshalb mehrten sich die Stimmen, die ein Verbot der Technik forderten. Der Bonner Stammzellforscher Prof. Oliver Brüstle stand lange im Zentrum einer sehr emotional geführten Debatte um Forschungsfreiheit und Schutz des Lebens. „Insgesamt kann man sagen: Es wurde nicht auf's falsche Pferd gesetzt. Wir haben nicht viel Aufregung durchlebt für nichts“, sagt er nun, zehn Jahre nach Verabschiedung des deutschen Stammzellgesetzes am 25. April 2002.

„Die Sorge vieler ist gewesen, wenn auch zu Unrecht: Wenn erst mal die Therapien stehen, beginnt das große Embryonenschlachten“, sagt Prof. Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. „Auch die Chimäre aus Affe und Mensch ist ein theoretisches Modell geblieben“, ergänzt Prof. Jürgen Hescheler von der Universität Köln. „Andere Befürchtungen haben sich als ebenso haltlos erwiesen.“

Die Forschung nahm einen Verlauf, der 2002 wohl kaum zu erahnen war: Zum einen erwiesen sich die embryonalen Stammzellen (ES) als widerspenstiger denn angenommen, zum anderen veränderte sich die Forschungslandschaft extrem, als die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka 2006 eine atemberaubende Alternative präsentierten: induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Die Zellen waren aus Körperzellen in eine Art embryonalen Zustand zurückversetzt worden. Wie die ES-Zellen konnten sie sich zu jedem Zelltyp entwickeln – jedoch ohne ethische Probleme bei der Herstellung.

„Ich habe das Labor damals in weiten Teilen umstrukturiert, weil mir klar war: Das ist eine Revolution, ein neuer Baustein in der Stammzellforschung, auf den man nicht verzichten kann“, sagt Prof. Brüstle. Vor allem für Krankheitsmodelle hätten iPS-Zellen entscheidende Vorteile. „Wenn man verstehen möchte, wie sich eine auf mehreren Genveränderungen beruhende Erbkrankheit ausbildet, lassen sich dafür sehr elegant aus einzelnen Haut- oder Blutzellen Stammzellen machen“, erklärt Tobias Grimm, Programmdirektor in der Gruppe Lebenswissenschaften bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

iPS-Zellen haben Nachteil

Die iPS-Zellen haben Brüstle zufolge allerdings auch einen Nachteil: Sie seien genomisch so alt wie der Körper, aus dem sie entnommen wurden. „Wenn sie eine Haut- oder Blutzelle eines 50 Jahre alten Patienten reprogrammieren, dann trägt diese iPS-Zelle alle Mutationen, die sich im Lauf des Alterungsprozesses natürlicherweise während dieser 50 Jahre angehäuft haben.“ Mit diesen Schäden seien erhöhte Risiken etwa für Krebs verbunden.

Als Meilenstein wird von der Forschergemeinde ein neues Verfahren gesehen, bei dem Körperzellen direkt – also ohne Umweg über pluripotente Zellen – in einen anderen Zelltyp umgewandelt werden. „Das wird möglicherweise in Zukunft die Methode der Wahl sein“, sagt DFG-Experte Grimm. Zusammen mit ES- und iPS-Zellen gehört diese Technik nach Meinung Brüstles zu den drei Gebieten, aus denen sich Wissenschaftler künftig bedienen. Langfristig entwickle sich die direkte Konversion in Richtung von In-vivo-Applikationen – der Umwandlung von Zelltypen direkt im Körper. „Auch da gibt es schon erste Studien“, erläutert Brüstle. So habe ein US-Team einen Zelltyp in der Bauchspeicheldrüse in Insulin-bildende Zellen umgewandelt.

Vor allem die Kirchen dürfte diese Entwicklung freuen. Der Vatikan hat wiederholt Regierungen scharf kritisiert, die die Forschung an ES-Zellen fördern. Gewinnung und Verbrauch von Embryonen seien heute genauso abzulehnen wie vor zehn Jahren, an der Einschätzung habe sich nichts geändert, sagt Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz.

Auch wenn auf humanen embryonalen Stammzellen basierende Therapien vielfach noch in weiter Ferne liegen – erste klinische Studien dazu gibt es bereits. In den USA und in Großbritannien bekamen Patienten mit bislang unheilbaren Augenerkrankungen retinale Pigment-Epithelzellen ins Auge gespritzt, die aus humanen ES-Zellen abgeleitet wurden. Erste Daten weisen darauf hin, dass sich die Zellen einnisten und die Anwendung sicher ist. Eine klinische Studie in den USA mit embryonalen Stammzellen zur Behandlung von Querschnittsgelähmten dagegen wurde gestoppt, als Grund gab das Unternehmen wirtschaftliche Erwägungen an.

Deutschland spiele wegen des restriktiven Stammzellgesetzes keine allzugroße Rolle, sagen die Forscher hierzulande. Zwar sei die Diskussion inzwischen sachlicher, mit dem Stammzellgesetz sei aber eine enorme Bürokratie aufgebaut worden, kritisiert Hescheler. Viele Jungforscher hätten sich für eine Karriere im Ausland entschieden.

Ganz ohne Nachwuchs muss das Feld in Deutschland aber nicht auskommen - das zeigt auch die 70. Genehmigung des RKI für ein ES-Forschungsprojekt. Axel Methner, Professor für Neurologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, möchte mit humanen embryonalen Stammzellen die neuromuskuläre Erkrankung Morbus Charcot-Marie-Tooth (CMT) erforschen. „Für mich ist das Ziel, ein besseres Modellsystem zu haben, um verstehen zu können, was schiefgeht“, sagt Methner. „Dann kann ich mir überlegen, wie man das reparieren könnte.“ Die embryonalen Stammzellen dienten dabei hauptsächlich als Positiv-Kontrolle – und würden künftig eventuell auch verzichtbar. „Das ist der Weg, den man gehen muss.“

dpa

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