Hochschulen

Bloß keine Zeit verlieren

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Angst vor dem Zeitverlust: Nicht mal jeder dritte Student entscheidet sich für ein Auslandsaufenthalt.

Tübingen - Die Bologna-Reform sollte dafür sorgen, dass mehr Studenten ein Auslandssemester einlegen. Doch der Anteil stagniert seit Jahren, die Aufenthalte werden kürzer und im Studienverlauf nach hinten geschoben.

Mal über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs hinausschauen, Dinge ausprobieren, Erfahrungen sammeln - gerne auch im Ausland. Was früher zum Studium dazugehörte, spielt in Zeiten von Bachelor und Master für viele Studenten nur noch eine untergeordnete Rolle. Jeder Zweite soll im Lauf seines Studiums eine Zeit lang im Ausland lernen, hat die Politik als Ziel für 2020 ausgegeben. Eine vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) zusammengetragene Studie zeigt jedoch: Es ist nicht einmal jeder dritte, der Anteil verharrt seit rund zehn Jahren bei etwa 30 Prozent. Die Studenten fürchten vor allem den Zeitverlust, den ein Aufenthalt im Ausland mit sich bringen kann. Zu spüren ist das auch an baden-württembergischen Universitäten.

"Wir beobachten, dass die Auslandsaufenthalte immer kürzer werden", berichtet Christin Gumbinger vom Studierendenrat der Uni Tübingen. Im dicht getakteten Bachelor ein ganzes Jahr ins Ausland zu gehen, könne sich heute niemand mehr leisten. "Bologna hat eher negative Effekte und bringt auf jeden Fall keine Verbesserung." Die DAAD-Studie bestätigt: Auslandsaufenthalte deutscher Studenten im Rahmen des Erasmus-Programms dauern heute im Schnitt 5,7 Monate - vor zehn Jahren waren es noch 6,9 Monate.

Tübinger Studenten waren während ihres Auslandssemesters bislang von ihrer Heimatuni beurlaubt. "Das hat den Zeitverlust durch den Auslandsaufenthalt in Grenzen gehalten", sagt Gumbinger. Seit diesem Semester ist das anders, die Weltenbummler bleiben nun in Tübingen eingeschrieben. "Jetzt schafft es kaum noch einer, die geforderten Leistungen aus dem Ausland mitzubringen", beklagt Gumbinger. Ein Abschluss des Studiums in Regelstudienzeit sei kaum noch möglich. "Dabei ist der wichtig für viele Bewerbungen und Stipendien."

Die Uni argumentiert mit der besseren Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen, wenn die Studenten in Tübingen eingeschrieben bleiben. "Wir legen jetzt vor Abreise der Studenten ganz genau fest, welche Kurse sie sich später anrechnen lassen können", erklärt Unisprecherin Antje Karbe. Rund 1000 Studenten verlassen Tübingen jedes Jahr für ein oder zwei Semester, um im Ausland zu studieren.

Im BWL-Bachelor der Uni Mannheim ist ein Auslandssemester dagegen Pflicht. "In den anderen Fakultäten wird es angeraten und unterstützt", sagt Sprecherin Katja Hoffmann. Deshalb sei die Zahl der Weltenbummler in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. "Im akademischen Jahr 2014/15 gehen mehr als 1100 Studenten ins Ausland."

An der Uni Stuttgart beobachten die Verantwortlichen noch einen anderen Trend: der Auslandsaufenthalt wird nach hinten geschoben. "Die Studenten nutzen verstärkt die Zeit zwischen Bachelor und Master, um den Auslandsaufenthalt harmonisch in den Gesamtstudienablauf zu integrieren", sagt Unisprecher Hans-Herwig Geyer. Im Bachelor sei die Bereitschaft für ein Auslandssemester deshalb gesunken.

Den Grund für die stagnierende Quote sieht man bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) im starken Anstieg der Studienanfängerzahlen. "Auslandsaufenthalte finden typischerweise nicht zum Studienbeginn statt", sagt HRK-Präsident Horst Hippler. Um das 50-Prozent-Ziel zu erreichen, müsse aber mehr Geld in die Hand genommen werden. "Die finanzielle Unterstützung ist für viele junge Leute nicht ausreichend."

Der DAAD spricht von einem Mentalitätswandel bei den Studenten. "Der Wert eines Auslandssemester war vor 15 Jahren noch ein anderer, Zeitverlust wurde da nicht so als Problem gesehen", erklärt Simone Burkhart, die die aktuelle Studie miterstellt hat. Heute werde den Studenten vermittelt, dass der Abschluss in Regelstudienzeit über allem stehe. "Da müssen wir die Angst nehmen: Ein Auslandsaufenthalt ist ein Wert an sich, das lohnt sich auf jeden Fall." Auch wenn das Studium dadurch ein bisschen länger dauert.

dpa

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