Tourismus

Kondition und Klassifizierung - Sicher kraxeln auf Klettersteigen

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Gerade Kletteranfänger sollten bei der Tourplanung ihre Kondition gut einschätzen und Klettersteige anhand ihrer Klassifikationen auswählen.

Bad Tölz - Klettersteige scheinen sicher und sind für jedermann zugänglich - ein Grund, warum sich immer wieder Menschen überschätzen und in Bergnot geraten. Mit der richtigen Routenplanung und entsprechenden Sicherheitsvorkehrung wäre das oft vermeidbar.

Das Seil locker um die Hüften gespannt, die Haare flatternd im Wind - so trifft Paul Schenk von der Deutschen Bergwacht immer mal wieder Kraxel-Novizen im Berg an, die sich an einem der zahlreichen Klettersteige in den Alpen probieren. Ohne passende Ausrüstung und Vorbereitung ist jedoch auch eine Tour auf einem gut gesicherten Klettersteig riskant. Zu diesem Ergebnis kommt auch die aktuelle Bergunfallstatistik des Deutschen Alpenvereins. Der zufolge geht die Zahl der Verunfallten zwar insgesamt zurück, die Zahl der aus Bergnot auf einem Klettersteig Geretteten nimmt jedoch ständig zu. Schenk erklärt, wie man eine Klettertour richtig angeht.

Eine Bergtour beginnt grundsätzlich lange bevor die Kletterer das erste Mal den Karabiner zuschnappen lassen: "Das Thema Sicherheit fängt bereits bei der Routenplanung an", erklärt Schenk. Die Tour sollte der eigenen Kondition und Erfahrung angemessen sein: Klassifizierungen von A bis F geben an, wie anspruchsvoll die jeweilige Route ist. "Absolute Anfänger sollten sich mit einer A- oder A-B-Route begnügen. Bereits ein als B-C klassifizierter Klettersteig überfordert sie in der Regel."

Neben dem Anteil der steilen Passagen spielt auch die Länge des Klettersteigs eine Rolle. Man sollte sich immer eine genaue Karte besorgen und ernsthaft fragen, ob die eigenen Kräfte für das Vorhaben ausreichen. "Dabei darf es nicht darum gehen, mit letzter Kraft das Ziel zu erreichen", erklärt Schenk, "Kletterer brauchen immer auch Reserven, um eventuelle Zwischenfälle zu meistern."

Zweiter wichtiger Aspekt ist das Wetter: Das schlägt in den Alpen schneller um, als es so manch ein Flachlandtiroler gewohnt ist. Vorab sollten sich Kletterer deshalb bei Wetterdiensten wie dem Bergwetter des Deutschen Alpenvereins informieren, so Schenk. "Und im Zweifel lieber eine geplante Tour abblasen, als in einen Wetterumschwung zu geraten."

Bei der Ausrüstung sollten die Kletterer nicht am falschen Ende sparen: "Ein Helm ist Pflicht, denn schon kleine Steine können aus großer Höhe einen erheblichen Schaden anrichten"", warnt Schenk. Klettersteiggurt und Klettersteigset gehören ohnehin dazu. "Wer damit nicht umgehen kann, sollte lieber erst einen Anfängerkurs in einer Bergschule machen, bevor er sich in einen Klettersteig wagt." Spezielle Handschuhe und feste Bergsteigerschuhe oder sogenannte Approach Shoes geben den nötigen Halt. Bequeme, atmungsaktive, wind- und regendichte Kleidung schützt vor dem Auskühlen in großer Höhe.

Verschleißteile wie Gurte, Seile und Karabiner sollte man vor der Tour auf Defekte prüfen: "Gerade bei Textilien wie dem Klettergurt sollte man ausgefranste oder auffällig verfärbte Teile lieber erneuern", empfiehlt Schenk. Denn bei langer Lagerung können auch kaum benutzte Ausrüstungsgegenstände mürbe werden. Dann sind sie ein Sicherheitsrisiko. "Karibiner sollte man nach ein paar Jahren selbst dann ersetzen, wenn sie kaum Gebrauchsspuren zeigen." Denn eine Materialermüdung sieht man dem Metall von außen nicht an. Die meisten Hersteller drucken einen entsprechenden Hinweis auf ihre Produkte.

Ein weiterer wichtiger Ausrüstungsgegenstand ist eine Selbstsicherungsschlinge: Sie hält den Kletterer nicht nur bei einer geplanten Rast, sondern hilft ihm auch durchzuschnaufen, wenn er es mit der Angst zu tun bekommt. "Bei Überforderung geraten Anfänger oft in eine Blockade: Sie können dann weder vor noch zurück", erklärt Schenk. Dann sei es ratsam, sich mit der Schlinge zu sichern, durchzuatmen und sich mit einem Schluck aus der Trinkflasche oder einem Energieriegel zu stärken. Haben sich Arme und Beine erholt, kann es meist weitergehen. "Wenn gar nichts mehr geht, hilft nur noch ein Anruf bei eins, eins, zwo", sagt Schenk. Also Handy nicht vergessen. Doch wer bisher alle Ratschläge beherzigt hat, sollte in diese Notlage eigentlich niemals geraten.

dpa

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