Von Missionar bis Hooligan: Eine "Troll"-Typologie

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Trolle - so werden auch Störer im Netz bezeichnet. Foto: Ulrike von Leszczynski

Sie grätschen in Diskussionen hinein, verursachen Chaos und verbreiten Hass im Internet - die "Trolle" sind gefürchtete Teilnehmer in Kommentarspalten. Doch selbst unter den Grobianen des Netzes gibt es Abstufungen: von provokant bis inakzeptabel.

Berlin (dpa) - Im Internet eskalieren immer wieder Diskussionen: Es braucht nur einen kontroversen Text, über Russland oder Flüchtlinge. Oft bricht das Niveau der Leser-Kommentare in kürzester Zeit ein: Es hagelt Unsinn bis hin zu Schmähungen. Die Provokateure gelten als "Trolle" - Menschen, die Debatten im Netz mutwillig stören.

Sie sind anderen Lesern ein Graus. Viele Medien haben eigene Teams, die die Kommentarspalten durchkämmen und aggressives Verhalten eindämmen. Sie kennen inzwischen unterschiedliche Typen der Störer. Doch die aggressiven Kommentarschreiber sind keineswegs immer nur nervig und harmlos. Manche hetzen gezielt gegen andere Gruppen. Eine Troll-Typologie.

Der Groll-Troll: Voller Hass auf die Welt verbreitet der wütende Störer seine Tiraden. Diese Trolle sind eher Männer. "Sich so zu äußern, dass ich auch keine Lust mehr habe, zu diskutieren - das ist ein eher männliches Phänomen", sagt Torsten Beeck, der bei "Spiegel Online" für Social Media zuständig ist. Der Groll-Troll donnert gegen alles und jeden. Laut und lästig. Kaum gesperrt, kommt er unter neuem Namen wieder.

Der Toll-Troll: Ein Künstler. David Schmidt, Community-Redakteur von "Zeit Online", erkennt einen der Trolle immer wieder. "Er ist in der Manipulation sehr geschickt und unheimlich kreativ, hat eine hohe soziale Intelligenz", sagt Schmidt. "Ich liebe diesen Troll in gewisser Weise." Der Störer verbreitet seine herablassende Botschaft geschickt: "Er schreibt höchst menschenverachtende Dinge, ohne künstlich zu wirken." Die Leser nehmen ihm den Hass ab, reagieren emotional, die Diskussion ist am Ende. Der Troll hat sein Ziel erreicht. Schmidt beschreibt es so: "Es gibt einige, die provozieren um der Provokation willen - l'art pour l'art sozusagen."

Die Lügendetektoren:Politiker, Journalisten, Forscher - sie alle betrügen die Bürger, glauben die Anhänger mindestens einer Verschwörungstheorie. Dunkle Mächte, wahlweise der Staat, Geheimdienste, religiöse Gruppen oder Aliens, wollen Böses und verbringen ihre gesamte Zeit damit, die Menschen zu täuschen. "Das sind die Schwierigsten", sagt Beeck von "Spiegel Online". Denn wer alles als Lüge abtut, dem ist mit Argumenten nicht beizukommen.

Die Missionare:Kritik lassen propagandistische Trolle nicht zu. Der Klassiker: Impfgegner. Wer ihr Dogma anzweifelt - auch nur vermeintlich - ist aus Sicht des Missionars der Sünde verfallen.

Die Hooligans:Sie haben Bock auf Krawall - und tauchen vor allem unter Sport-Artikeln auf, erzählt Beeck. Ihr Mechanismus ist die Abgrenzung, nach dem Schema "dein Verein ist scheiße". In ihrem Kampf sind die Hooligans recht zuverlässig. "Es gibt welche, die mit 100-prozentiger Verlässlichkeit bei jedem Dortmund-Artikel auftauchen", hat Beeck beobachtet.

Neben den gerade noch amüsanten Trollen gibt es auch ernste Fälle von Bedrohungen. Solche Trolle sind nicht harmlos, sondern können Hass schüren, warnt die Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus im Netz einsetzt. Die Hetzer sind teilweise organisierte Gruppen, die Diskussionen gezielt an sich reißen. Mit menschenfeindlichen Äußerungen schüren sie Vorurteile und Hass.

Die Fremdenfeinde:Rechtsextreme und Rechtspopulisten, die gegen Juden, Schwarze, Muslime und Flüchtlinge hetzen und sie diskriminieren. Das seien nicht einzelne Kommentatoren, sondern "organisierte Rechte", schreibt die Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie wollten so die Deutungshoheit gewinnen und andere Meinungen an den Rand drängen.

Der Frauenhasser:Dieser Mann greift Frauen im Netz an. Er beleidigt sie, belästigt sie sexuell, droht. Der Maskulinist schlägt vor allem dann zu, wenn es um Feminismus geht. Er will vor allem Autorinnen zum Schweigen bringen. "Erst, wenn die Betroffenen aufhören, sich zu engagieren oder in ihrem Engagement aufhören zu existieren, ist das Ziel erreicht. Dass dahinter Menschen stecken, wird verdrängt", schreibt die Bloggerin Yasmina Banaszczuk.

Die Antifeministin: Hetze gegen Feminismus ist keine reine Männersache. Auch manche Frauen, vor allem in rechtskonservativen Kreisen, verteidigen eine konventionelle Frauenrolle oder stehen aggressiven Männer bei. Community-Redakteurin Juliane Löffler vom Freitag ist schon Frauengruppen begegnet, die sich gemeinsam in Rage schreiben.

Doch Redakteure und Bürgerrechtler wollen sich von Hassreden im Netz nicht unterkriegen lassen. Für die Chefredakteurin der Webseite Buzzfeed Deutschland, Juliane Leopold, spiegelt die Hetze eine gesellschaftliche Stimmung wider. "Online-Phänomene gibt es nicht, es gibt nur die echte Welt", sagt Leopold. "Unser Problem ist, dass sich die Mitte der Gesellschaft nach rechts bewegt."

Soziale Netzwerke: Facebook, Twitter und Co. bieten Möglichkeiten, Störer zum Schweigen zu bringen. Je nach Plattform kann der Weg sich etwas unterscheiden. Bei Twitter hilft ein Klick auf das Zahnrad auf der Profilseite des Trolls. Dort können Nervensägen blockiert oder gemeldet werden. Kontakt ist dann nicht mehr möglich. Auch bei Facebook lassen sich Nutzer blockieren. Dann ist jede Interaktion ausgeschlossen. Der Blockierte erfährt nichts davon. Facebooks Meldefunktion führt aber häufig nicht zur gewünschten Entfernung eines Beitrags. Mehrfaches Melden kann hier zu mehr Erfolg führen.

Rechtsweg: Arten die Angriffe in massive Beleidigungen, unwahre Tatsachenbehauptungen oder Drohungen aus, können sich Betroffene auch juristisch wehren, erklärt der Berliner Rechtsanwalt Ansgar Koreng. Werden also Lügen verbreitet, kann das für den Verfasser auch rechtlich Ärger bedeuten. Aber selbst wahre Behauptungen können aus anderen Gründen rechtlich problematisch werden: Zum Beispiel dann, wenn die Privatsphäre verletzt wird. Erreicht man beim Troll keine Einsicht und das Entfernen der Beiträge, hilft der Weg über den Plattformbetreiber, über dessen Dienst die Beiträge verbreitet werden. Der Plattformbetreiber haftet in solchen Fällen, sobald er darüber informiert wird, und nicht angemessen reagiert.

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