Baustelle: Die A7 im Selbstversuch

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Viele Strichlinien und noch mehr Fahrspuren: Auf der Helterbachtalbrücke gibt es keine Ausweichmöglichkeit - im Falle eines Unfalls müssen die Rettungskräfte von der jeweils anderen Seite her über die Mittelplanke zum Unglücksort vordringen.

Melsungen. Kurz, kürzer, Auffahrt: Wer in Melsungen auf die A 7 Richtung Norden will, muss zurzeit gute Nerven haben. Statt eines Beschleunigungsstreifens gibt es nur ein Stopp-Schild. Und meist endlose Lasterkolonnen, die von links heranrollen.

Viel Zeit zum Reagieren bleibt da oft nicht: Man muss das Gaspedal ordentlich durchtreten – um dann wie ein Katapult auf die Autobahn zu schießen.

Doch vor dem Losschießen ist Geduld gefragt: Gefühlte zehn Minuten stehe ich da und drehe den Nacken nach links. Das Adrenalin steigt. Dann endlich die Lücke: Puh, das wäre geschafft.

Da kommt nicht mehr viel: Unmittelbar neben der gelben Linie beginnt die Bankette. Sie wurde vorige Woche erst saniert.

Ich stelle den Tempomat auf 81 Stundenkilometer und bleibe auf der rechten Spur. Im Rückspiegel taucht ein Laster auf, ich sehe nur noch den riesigen Kühlergrill. Es wird gleißendhell in meinem Auto – der Fahrer hat die Lichthupe eingeschaltet. Jetzt hupt er auch noch. Der Tacho sagt, dass ich über 80 Stundenkilometer fahre, also bin ich schnell genug. Auf der Überholspur aber scheint eine andere Geschwindigkeitsbegrenzung zu gelten: viele Fahrer sind wesentlich schneller unterwegs als ich.

Der Laster vor mir fährt zentimeternah an der gelben Linie, die seine Fahrbahn begrenzt. Zehn Zentimeter daneben liegt weicher Schotter, dann kommt ein Graben. Ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit reicht und er landet neben der Fahrbahn. Die A7 wäre dann wieder einmal dicht, die Unglücksstelle für Polizei und Feuerwehr unerreichbar.

Doch ich habe keine Zeit für Gedankenspiele, die engen Fahrbahnen und der enorme Verkehr erfordern meine Aufmerksamkeit. Endlich freie Fahrt bis zur Anschlussstelle Guxhagen. Ich wende und fahre auf der A 7 zurück in Richtung Malsfeld – die Abfahrt Melsungen aus Richtung Nord ist gesperrt. Die Fahrbahn ist in drei schmale Fahrspuren eingeteilt, man darf höchstens Tempo 80 fahren.

Das interessiert auch hier nicht alle Fahrer: Viele rasen vorbei. Auf der Baustelle an der Helterbachtalbrücke sind große Kipper und Gefährte auf den gesperrten Fahrspuren unterwegs. Es geht es nur langsam voran, ein Laster zockelt mit 50 Stundenkilometern den Berg hinauf.

Dann ist alles Paletti bis zur Ausfahrt Malsfeld. Ich fahre auf der A 7 zurück nach Norden. Etliche Kilometer vor der Ausfahrt Melsungen fordern Schilder die Fahrer auf, rechtzeitig das Reißverschlussverfahren anzuwenden. Doch das kennen viele wohl nur von ihrer Jacke oder Hose. Sie haben anscheinend Sonderrechte und müssen sich nicht an die Regeln halten.

Ich bin froh, als endlich die Ausfahrt Melsungen vor mir auftaucht. Ich habe seit 44 Jahren den Führerschein und kann Autofahren. Dennoch: Mit Baustellen bin ich für heute bedient. Vor allem mit dieser.

Quelle: HNA

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