Interview: Architekt Dietmar Köring über das Design von Strommasten

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Symbol einer möglichen Energiewende: Designer-Strommasten. Der Entwurf des Kölner Architekten Dietmar Köring hat an vielen Ecken eine verspielte Form.

Der Stromleitungsbauer Tennet ist derzeit mit der Feintrassierung einer 380 Kilovolt-Leitung durch den Kreisteil Melsungen befasst. Die Hochspannungsleitung zum Transport von Windstrom soll auf traditionellen Stahlgitter-Masten hängen. Der Kölner Architekt Dietmar Köring bietet im Gespräch mit der HNA Alternativen an.

Herr Köring, seit vielen Jahrzehnten haben sich die Menschen landauf landab an die stählernden Gittermasten für Hochspannungsleitungen im Landschaftsbild gewöhnt. Weshalb entwerfen Sie andere Typen?

Köring: Meine Strommasten setzen auf neues Design und Material und sollen ein Zeichen setzen. Sie taugen als Symbol für eine Energiewende, in der Deutschalnd möglicherweise eine Vorreiterrolle spielt.

Ihr futuristisch anmutender Strommast war der Beitrag zu einem Wettbewerb des isländischen Unternehmens Landsnet. Die Isländer erzeugen Strom bereits heute ausschließlich aus Erneuerbaren Energien. Im Vergleich dazu ist Deutschland rückständig. Hilft Design da weiter?

Köring: Mein Strommast-Entwurf wohl kaum. Er war in Island weder der Gewinnerbeitrag noch ist er fertig. In der Masse aufgestellt wäre er Quatsch. Es geht um etwas anderes. Der traditionelle Stahlgittermast orientiert sich am Eifelturm, dem Symbol der Industriekultur. Wir stehen heute woanders.

Das sieht der Stromleitungsbauer Tennet offenbar anders. Bei der laufenden Planung einer 380 Kilovolt-Leitung von Niedersachsen nach Hessen setzt das Unternehmen durchgängig auf traditionelle Stahlriesen zur Befestigung der Leitung. Sie soll Windstrom aus dem Norden in den Süden transportieren. Stahlgittermast und Windstrom – das widerspricht sich aus ihrer Sicht?

Köring: Für diesen riesigen Industriezweig muss einfach etwas Neues her. Stahl ist ein universeller Werkstoff, aber aus ökologischer Sicht längst überholt. Heute ist mit glasfaserverstärkten Kunststoffen alles machbar. So wie die Energieerzeugung sollte auch das Material zukunftsweisend sein.

Vielerorts gibt es Proteste gegen neue Stromleitungen. Anlieger machen sich Sorgen um den Wert ihrer Häuser und fürchten Gesundheitsschäden. Wäre mit Designer-Stromasten mehr Akzeptanz zu erzielen?

Köring: Niemand will die Strommasten in seiner Nähe haben. Persönlich mache ich mich für die Bündelung bestehender Netzwerke stark. Das heißt: Lebensadern wie Schnellbahntrassen, Autobahnen, Stromleitungen oder Elektro-Tankstellen sollen sinnvoll und konzentriert zueinander gruppiert und andere Landstriche möglichst von all dem verschont werden. Zugleich muss das System möglichst krisensicher hergestellt werden, beispielsweise mit einer Notbeleuchtung aus Batteriebetrieb bei Stromausfall in Großstädten. Ein Terroranschlag auf Stromeinrichtungen könnte Chaos in den Städten erzeugen. Tatsächlich ist ein Stromausfall in unseren Konzepten aber gar nicht vorgesehen.

Dem Stromleitungsbauer Tennet stehen für den Bau der 380 Kilovolt-Leitung pro Trassenkilometer 1,2 Millionen Euro zur Verfügung. Die Kosten für die Masten haben daran sicherlich einen eher kleinen Anteil. Gegen Designer-Masten führt der Stromleitungsbauer die Deutsche Industrienorm ins Feld, die beispielsweise Erfordernisse wie die Besteigbarkeit für Wartungsarbeiten festlegen. Wie praxistauglich ist Ihr Stromast?

Köring: Wie gesagt, mein Mast-Entwurf ist nicht fertig. Er ist sogar eher eine Skulptur als ein Strommast. Tatsächlich aber ist es kein Problem, aus dem Entwurf einen weniger formverspielten und praxistauglichen Strommast nach Deutscher Industrienorm zu entwickeln, der in Serie aufgestellt werden könnte. Nur: Die Architektur ist ein langsames Geschäft – und im Stromgeschäft sichern sich etablierte Kräfte zäh die riesigen Märkte.

Von Lorenz Grugel

Quelle: HNA

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