"Absolut fleischlos ist auch nicht der richtige Weg"

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Sorgfältig ausgewählte Zutaten: Man sollte bereit sein, für gutes Essen mehr Geld auszugeben, fordert Dr. Hanns Kniepkamp.

Spangenberg. Zu Ostern möchten sich viele Menschen gutes Essen gönnen. Wir sprachen mit Dr. Hanns Kniepkamp (67) vom Bundesvorstand Slowfood darüber, wie das aussehen und schmecken kann. Der Chemiker aus Spangenberg-Schnellrode setzt sich im Convinium (lokale Gruppe) Nordhessen für die Erhaltung der Esskultur ein.

Geben Sie es zu: Sie sind doch total neidisch auf alle Veganer. 

Dr. Hanns Kniepkamp: Wie kommen Sie denn um Himmels willen da drauf?! Slowfood ist von der veganen Schiene doch meilenweit entfernt! Was soll ich denn bitte mit veganen Bratwürstchen anfangen?

Das fragen sich viele. Aber auf tierische Produkte zu verzichten ist Trend. 2013 wurde kein Kochbuch so oft verkauft wie Attila Hildmanns „Vegan for fit“. So viel Aufmerksamkeit hätten Sie bestimmt auch gerne für Slowfood. 

Dr. Hanns Kniepkamp

Kniepkamp: Ja, dieser Boom ist in der Tat erstaunlich. Und es ist gut, dass sich immer mehr Menschen mit ihrer Ernährung beschäftigen. Aber wir ziehen ganz andere Schlüsse als die Veganer: Wir müssen nicht komplett auf Fleisch verzichten, wir müssen nur unseren Konsum etwas reduzieren.

Diesen Vorschlag haben die Grünen letztes Jahr auch schon mal gemacht…. 

Kniepkamp: Ach hören Sie auf! Dieser Veggie-Day wurde so dilettantisch kommuniziert, dass der Schuss völlig nach hinten losgegangen ist. Dennoch hat ein fleischloser Tag in der Woche durchaus seine Berechtigung. Schauen Sie doch nur auf Ihre Kindheit: Hat denn Ihre Mutter jeden Tag Fleisch auf den Tisch gebracht? Sicher nicht. Aus dem Veggie-Day konnten wir eines lernen: Wenn man das Bewusstsein für Ernährung verändern will, sind Verbote und Vorschriften der komplett falsche Weg.

Sie arbeiten hartnäckig daran, dieses Bewusstsein zu ändern. 

Kniepkamp: Ja. Weil die kleinbäuerliche Landwirtschaft, wie wir sie in unserer Region noch haben, eine Kulturleistung ist. Und die sollten alle Verbraucher im eigenen Interesse unterstützen: Es kann nicht gut gehen, dass sich Landwirte immer weiter spezialisieren, indem sie nur Milch oder nur Schweine oder nur Hühner verkaufen. Spezialisten können eine Schraubenfabrik führen, aber keine Landwirtschaft betreiben.

Diese Spezialisten ermöglichen es aber, dass Nahrung immer günstiger wird. 

Kniepkamp: Aber das darf doch nicht das Ziel sein, dass alles immer günstiger wird! Das Ziel muss sein, dass Nahrung besser, nicht billiger wird. Als neulich die Discounter die Fleischpreise gesenkt haben, haben viele Menschen Hurra! gerufen. Das ist aber keine Nachricht, bei der man jubeln sollte - das ist eine Nachricht, bei der man nachdenklich werden sollte.

Warum das denn? 

Kniepkamp: Weil irgendeiner in dieser Nahrungskette nicht auf seine Kosten kommt. Entweder das Tier wurde unter erbärmlichen Bedingungen gehalten oder der Landwirt schlecht bezahlt, oder der Schlachter erhält gerade mal den Mindestlohn oder die Verkäuferin muss neben ihrem Job noch putzen gehen. Fleisch darf nicht noch billiger werden, als es ist.

Das ist ein elitärer Ansatz. Kniepkamp: Nein. Jeder von uns will gute Nahrung. Die gibt es nun einmal nicht zum Nulltarif. Lebensmittel sollen preiswert, nicht superbillig oder absurd teuer sein. Die Franzosen beispielsweise geben doppelt so viel Geld wie wir für Lebensmittel aus, haben aber durchaus vergleichbare Einkommen. Es ist also eine Frage der Einstellung. Und die lautet: Was ist mir gutes Essen wert?

Sie stellen hohe Anforderungen an den Verbraucher. 

Kniepkamp: Nein. Ich wünsche mir nur einen mündigen Verbraucher, der nicht in erster Linie am Preis interessiert ist. Viel wichtiger ist doch, wie die Nahrung hergestellt wurde. Ich wünsche mir einen Verbraucher, der sich fragt, wie es denn um Himmels willen sein kann, dass Fleisch immer billiger wird, während doch die Preise sonst an allen Ecken und Enden steigen.

An Feiertagen gönnt man gerne etwas Besonderes. Was empfehlen Sie, was man Ostern auf den Tisch bringen könnte? 

Kniepkamp: Einen schönen Braten.

Den gibt es in jedem Supermarkt. 

Kniepkamp: Schon, aber Luxus zu Feiertagen bedeutet für mich nicht, einfach in den Supermarkt zu fahren und den Kofferraum voll zu laden. Luxus ist es, über den Markt zu bummeln, beim Bauern vorbei zu schauen, sich Zeit fürs Aussuchen und Kochen zu nehmen. Wenn dann noch das Tier, das den Braten abgab, aus einem guten Stall aus der Region kam, dann ist das wahrer Luxus.

Denken nicht mehr Menschen so? 

Kniepkamp: Stimmt. Beim „Markt des guten Geschmacks“, einer Art riesigem Spezialitätenfestival, das wir jährlich in Stuttgart veranstalten, waren früher fast alle Besucher über 50 Jahre alt. In diesem Jahr hatten wir nicht nur einen Rekordbesuch - es waren auch viele junge Leute da. Das hat mich erstaunt.

Viele haben die Nase von der Massentierhaltung voll. Das haben Sie mit den Veganern absolut gemein. 

Kniepkamp: Das stimmt, das ist unsere Schnittmenge. Aber absolut fleischlos zu leben, das ist eben auch nicht der richtige Weg.

Von Claudia Brandau 

Sie suchen noch nach Ideen für Ihr Osteressen? Koch und Slowfood-Mitglied Thomas Raabe hat für uns ein umkompliziertes Menü gezaubert. Die Rezepte finden Sie in der Samstagsausgabe der Melsunger Allgemeinen.

Quelle: HNA

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