Experte im Interview über die Brüder Grimm, die Schwalm und Märchen-Mythen

Adieu, liebes Rotkäppchen

Prototyp eines Märchenexperten: Prof. Heinz Rölleke widmet sein Forscherleben der Märchen- und Sagenwelt. Foto: privat

Willingshausen. Märchenhaftes über die Schwalm weiß Professor Heinz Rölleke aus Wuppertal zu berichten: Für die Brüder Grimm war die Schwalm Märchenschatz, Ausflugsziel und Fundus an Motiven. Nur beim Rotkäppchen raubt er – wie viele weitere Wissenschaftler – den Schwälmern ihre Illusion und macht ihnen ihre Botschafterin zu Gunsten der Franzosen abspenstig.

Am Sonntag, 15 Uhr, hält er einen Vortrag über die Brüder Grimm und die Schwalm in der Schindehütte-Ausstellung im Willingshäuser Gerhardt-von-Reutern-Haus. Wir baten ihn vorab zum Interview.

Was würden die Grimms über die Schwalm sagen?

Prof. Heinz Rölleke: Der jüngere Bruder von Jacob und Wilhelm, Ludwig Emil, käme ins Schwärmen. Für seine Malerei fand er dort Landschaftsmotive, aber vor allem Menschen in Tracht, die ihn faszinierten und die er in Illustrationen festhielt. Es waren vor allem die Bräuche der Schwälmer, die es ihm angetan hatten. Jacob würde sich über Ferdinand Siebert, einen Märchensammler aus Treysa, freuen, der ihm 14 Märchen bescherte.

Wer war Ferdinand Siebert?

Rölleke: Er war Pfarrkandidat, Lehrer und wichtiger Lieferant für die Grimmsche Märchensammlung. Vermutlich hatte Siebert sich die Märchen zuvor von seinen Schülern erzählen lassen. Definitiv sind von ihm die „Die drei Brüder“ und „Vom klugen Schneiderlein“. Für viele weitere Erzählungen, wie etwa „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren“, bedienten sich die Grimms bei Siebert für einzelne Episoden. In den Grimmschen Märchen steckt ein tüchtiges Stück Schwalm.

Wie entstand der Kontakt zu Siebert?

Rölleke: Über die Pfarrerstochter Friederike Mannel aus Allendorf/ Landsburg, die bereits für die Grimms sammelte, und in die sich der Treysaer Lehrer wenig später heftig, aber unglücklich verliebte. Vielleicht auch über dessen Bruder Georg Siebert, Lehrling beim Kasseler Kaufmann Simon Wille, ein Nachbar der Grimms in der Marktgasse.

Es gibt weitere Verbindungen in die Schwalm. Hätte es Europas erste Malerkolonie in Willingshausen ohne Ludwig Emil so gegeben?

Rölleke: Die treibende Kraft war der Maler Gerhardt von Reutern. Ludwig Emil traf sich mit ihm 1830 in Willingshausen im Schloss der Familie von Schwertzell, zu der die Grimms eine enge Verbindung hatten. Sie gründeten die Kolonie, die sicher auch ohne Ludwig Emils Zutun entstanden wäre. Anfangs war er ja auch nur ein kleines Licht. Als er Professor an der Kunstakademie Kassel wurde, gewann er an Einfluss und hat die Sache befördert.

Lässt sich sagen, wie oft die heute bekannteren Brüder Jacob und Wilhelm in der Schwalm waren?

Rölleke: Es war nicht so, dass die Brüder Grimm übers Land zogen, um ihre Geschichten zu sammeln. Die Leute kamen meist zu ihnen, und sie ließen sich die Geschichten quasi in den Notizblock diktieren. Jacob war im Vergleich zu Wilhelm sehr rüstig und hat auch die Schwalm abgeklappert. Es waren aber eher Tagesausflüge, etwa nach Willingshausen, von denen noch Briefe an seinen Bruder zeugen.

Sie zählen zu den Forschern, die der Schwalm das Rotkäppchen streitig machen. Warum?

Rölleke: Streng genommen bin nicht ich verantwortlich, sondern die Franzosen. Marie Hassenpflug, Tochter einer Hugenottin und eines Deutschen, lebte in Kassel und hat zwischen 1808 und 1812 den Brüdern Grimm zahlreiche Märchen aus Frankreich erzählt. Darunter auch jenes vom Rotkäppchen. Es ist wissenschaftlich gesichert, dass das Märchen weder in der Schwalm spielt, noch aus dieser Region überliefert wurde.

Eine Wahrheit, mit der Sie in der Schwalm nicht punkten.

Rölleke: Noch neulich hat mich jemand sehr laut angesprochen: Niemand raubt uns das Rotkäppchen. Nach dem Motto: Erst haben die Franzosen uns Napoleon auf den Hals gehetzt und jetzt nehmen sie uns auch noch das Märchen. Obwohl die Forschung diese Tatsachen nicht erst gestern auf den Tisch gelegt hat, gibt es bis heute fanatische Verfechter dieser Theorien, die etwa behaupten, die rote Kappe sei eine Anlehnung an die Schwälmer Tracht.

Woher kommt der Mythos?

Rölleke: Schuld hat der Maler Otto Ubbelohde, der später in der Malerkolonie Grimmsche Märchen illustrierte und dabei lokale Schauplätze und Kultur einfließen ließ.

Ist es für Sie denn so schlimm, an ein Rotkäppchen aus der Schwalm zu glauben?

Rölleke: Es ist ein nettes Trugbild, gegen das ich nichts habe – selbst wenn es zu Marketingzwecken wie Märchenstraßen benutzt wird. Es ist doch schön, wenn die Menschen sich vorstellen, ein Märchen spiele in ihrer Heimat. So haben die Wildunger ihr Schneewittchen und die Menschen rund um die Sababurg ihr Dornröschen

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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