Interview zum 40-jährigen Bestehen des Freundeskreises

Alkohol: Wann aus Genuss eine Sucht wird

Alkoholabhängigkeit kann gefährlich werden: Wer ohne Promille nicht mehr glücklich ist, sollte sich Gedanken machen und Hilfe aufsuchen. Foto: dpa

Der Freundeskreis Melsungen feiert am Samstag, 19. November, sein 40-jähriges Bestehen. Wir klären wichtige Fragen zur Alkoholabhängigkeit mit Thomas Kaufhold, Vorsitzender des Vereins.

Ab wann ist man alkoholsüchtig?

Das ist nicht genau definierbar und von Person zu Person unterschiedlich, sagt Kaufhold: „Auf jeden Fall, wenn man die Hände nicht mehr vom Suchtmittel lassen kann.“ Manche können drei Monate vom Alkohol wegbleiben, fangen dann aber wieder an zu trinken. Nur wenn man über ein halbes Jahr abstinent bleiben kann, ist eine Suchtgefahr komplett auszuschließen.

Sobald man den Alkohol als Ablenkung benutzt oder das Suchtmittel braucht, um sich wohlzufühlen, ist man abhängig. „Einen Abhängigen verfolgt sein Suchtmittel bis in die Träume, er muss ständig daran denken.“

Man hat laut Kaufhold definitiv ein Alkoholproblem, wenn man eines der drei F’s verloren hat: den Führerschein, die Familie oder die Finanzen, das heißt seinen Job.

Was kann man tun, wenn ein Freund oder ein Familienmitglied alkoholsüchtig ist?

Kaufhold erzählt, dass Angehörige oft zu ihm kommen und fragen, was zu tun ist. Im Prinzip kann man gar nichts machen, solang die Person nicht selbst etwas ändern will, berichtet Kaufhold. Für die Abhängigen ist es ein enormer Schritt, Hilfe zuzulassen.

Eine gewisse Grundbereitschaft muss da sein. „Leider leugnen die meisten ihre Sucht und ziehen sich immer mehr zurück, auch und vor allem wenn sie trinken“, sagt Kaufhold. Wenn man keine Chance mehr hat, zu der Person durchzudringen, soll man sich von ihr entfernen und als Partner die Beziehung beenden. „Liebe hin oder her - ein Suchtkranker zieht sein Umfeld mit herunter.“ Partner geraten oft in eine Co-Abhängigkeit, indem sie für den Partner lügen, bezahlen und ihn decken.

Wie läuft eine Entwöhnung vom Alkohol ab?

Die erste Zeit ist extrem schwer. „Man muss lernen, über seine Sucht zu sprechen, das ist der erste Schritt“, sagt Kaufhold. Man braucht in jedem Fall Hilfe, um dauerhaft vom Alkohol wegzubleiben, denn alkoholkrank ist man für immer - die Krankheit kann nur zum Stillstand gebracht, aber nicht geheilt werden. Bis man vom Alkohol loskommt, dauert es unterschiedlich lang. Manchen Menschen reicht eine Therapie, andere benötigen mehrere. Aber auch das ist kein Garant für dauerhafte Abstinenz: Ein Entzug dient nur als Hilfestellung.

Kann man sich nach einer gewissen Zeit darauf verlassen, dass man nicht mehr dem Suchtmittel verfällt?

Diese Gewissheit gibt es laut Kaufhold nie. „Es ist besonders schwer, der Versuchung dauerhaft zu widerstehen“, erzählt er. Wichtig ist dabei, mit Gleichgesinnten immer wieder darüber zu sprechen, auch nach zehn oder 20 Jahren noch.

Man darf nicht nachlässig werden, indem man zum Beispiel Bier kauft, um für eventuell vorbeikommende Freunde vorbereitet zu sein. „Irgendwann hat man die Flasche dann selbst in der Hand“, sagt er. Je intensiver sich der Suchtkranke mit dem Thema beschäftigt, umso größer ist die Chance, dauerhaft abstinent zu bleiben. Feiern beispielsweise muss man ohne Alkohol ganz neu lernen, auch um nicht dem Gruppendruck zu erliegen.

Was macht Alkoholabhängigkeit mit Menschen?

Die Person zieht sich meist zurück. Manche werden schnell aggressiv, andere schläfrig und phlegmatisch. Da Alkohol geistig und körperlich abhängig macht, kann man laut Kaufhold auch geistige und körperliche Schäden davontragen.

Ärzte können erkennen, wenn ein Kind unter Alkoholeinfluss gezeugt oder ausgetragen wurde. Wenn die Frau während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert, ist das hochgradig gefährlich, aber auch männliche Spermien können durch Suchtkrankheiten beeinträchtigt werden.

Warum werden manche wieder rückfällig?

Die Rückfälligkeit kommt nicht von heute auf morgen, sondern kündigt sich an. „Meist wird die Person zu sicher und beschäftigt sich nicht mehr mit dem Thema“, sagt Kaufhold. Sobald man das Verhältnis zum Suchtmittel lockert, ist die Rückfallgefahr größer.

Fünf Typen von Alkoholtrinkern

Typ A: Erleichterungstrinker

Er setzt den Alkohol gezielt ein, wenn er Schwierigkeiten hat und gibt ihm eine scheinbare Sicherheit. Meistens ist er körperlich (noch) nicht abhängig, aber seelisch.

Typ B: Gelegenheitstrinker

Er trinkt, weil es eben dazu gehört, beispielsweise auf Feiern. Er konsumiert regelmäßig Alkohol und oft große Mengen, hat häufig bereits Organschäden. Er ist aber nicht körperlich oder seelisch abhängig.

Typ C: Gewohnheitstrinker

Auch Spiegeltrinker genannt, denn er muss immer einen Alkoholspiegel halten, da er sonst Entzugserscheinungen erleidet. Nicht selten hält er einen Pegel von 2,5 Promille und mehr, verhält sich aber ohne Ausfallerscheinungen.

Typ D: Quartalstrinker

Er verliert in unterschiedlichen Zeitabständen die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum. Er trinkt manchmal wochenlang nicht. Dann überkommt ihn plötzlich ein Verlangen nach großen Mengen Alkohol, was im tagelangen Vollrausch enden kann.

Typ E: süchtige Alkoholiker

Dieser Mensch ist regelrecht krank vom Alkohol. Er ist körperlich und seelisch abhängig vom Stoff.

Quelle: HNA

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