Die 84-jährige Lola Waks besuchte Gedenkstätte und Museum – 1947 lebte ihre Familie im DP-Lager Ziegenhain

Die alten Leute waren nicht mehr da

Trutzhain. Der Besuch der 84-jährigen Lola Waks in Trutzhain erinnert an ein wenig bekanntes Kapitel des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers: die Zeit als Auffanglager für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, vorwiegend aus Polen, 1946/47 (siehe Hintergrund).

Lola Lesser und Aron Waks (geboren 1918) kannten sich aus Lodz und trafen sich im DP-Lager Ziegenhain wieder. Sie heirateten im August 1947 standesamtlich in Ziegenhain. Aron Waks war im Zuge der Selbstverwaltung des Lagers zum Lagerleiter gewählt worden. Die im Lande der Täter gestrandeten Juden warteten auf eine Ausreisemöglichkeit, zum Beispiel in die USA oder nach Palästina. Unterstützt wurden sie von der „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ (UNRRA) und amerikanischen und jüdischen Hilfsorganisationen. Die UNRRA verwaltete auch das TBC-Krankenhaus in Steinatal, die heutige Melanchthon-Schule. Hier lag Waks als Patient und seine Frau lief täglich durchs Feld, um ihn zu besuchen. „Wir fühlten uns nicht als Flüchtlinge bei den Deutschen, sondern bei den Amerikanern. Vor den Deutschen hatten wir Angst“, erzählte die 84-Jährige bei ihrem Besuch in Trutzhain. Den Deutschen waren sie als ständige Reizung ihres schlechten Gewissens nicht willkommen. So kam es kaum zu Kontakten.

Innerhalb des Lagers entfaltete sich ein reiches soziales und kulturelles Leben. Nach und nach entstanden Ämter für Wohnungswesen, Ernährung und Gesundheit, ein Gericht und eine Lagerpolizei, ein Kindergarten, eine Schule, eine Synagoge (im hinteren Teil der früheren Kunstblumenfabrik Lumpe). Eine Volkshochschule, die Abendunterricht in Englisch und Hebräisch anbot, und Kibbuzim mit landwirtschaftlicher Ausbildung sollten auf die kommenden Zielländer vorbereiten. Frau Waks berichtete: Theater, Konzerte und Tanzabende habe es gegeben. Lola Waks kann sich erinnern, dass sie, im siebten Monat schwanger, mit ihrer Freundin, im neunten Monat, getanzt hat. Sie seien alles junge Leute gewesen, alte Leute waren fast keine da. „Was sollten wir tun? Sollten wir immer traurig sein, als wir feststellten, dass fast keiner von den Verwandten überlebt hat? Das war das einzige Glück, dass wir unter uns waren; weil wir alle zusammen im Lager waren, haben wir uns ganz gut gefühlt.“

Anfang September 1947 wurde der Sohn Ruwen im Hephata-Krankenhaus in Treysa geboren, heute Professor für Geschichte in Israel, einer von etwa 110 Kindern, die in dem völlig herunter gekommenen Lager zur Welt kamen.

Anfang Dezember 1947 wurde das DP-Lager Ziegenhain aufgelöst. Die meisten DPs seien nach Kanada, nach Brasilien, nach Israel, meine ganze Familie ist nach Israel ausgewandert, erzählte Lola Waks. „Wir sind die einzigen, die hier geblieben sind. Von Ziegenhain sind wir nach Kassel ins DP-Lager Jägerkaserne und von Kassel nach Ulm gegangen.“

Später zog die Familie nach Düsseldorf, wo Aron Waks 1980 gestorben ist. Lola Waks arbeitete viele Jahre als zweite Vorsitzende der Zionistischen Frauenorganisation. Das Wiederauffinden ihrer früheren Barackenwohnung, die Besuche der heutigen Steinatalschule und von Hephata haben ihre Erinnerungen wieder belebt - mit gemischten Gefühlen. Dass im Lager heute eine Gedenkstätte und Museum eingerichtet ist, wo auch an das Schicksal der jüdischen DPs erinnert wird, freut Lola Waks sehr.

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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