Postgasse 8: Naumburgerin schaltet Bügelmaschine bald für immer ab

Die Arbeit macht noch Spaß: Karin Sprenger legt mit der passenden Spannweite die Wäsche ein, Schwiegertochter Ulrike übernimmt ausnahmsweise das Abnehmen und Zusammenlegen. Im Hintergrund beobachtet Wolfgang Sprenger die Arbeit an der alten Miele-Heißmangel. Foto:  Norbert Müller

Naumburg. Dienstags und donnerstags geht es bei Sprengers in Naumburg rund. Seit 36 Jahren wird mitten in der Altstadt, im Haus Postgasse 8, an diesen beiden Wochentagen die Heißmangel eingeschaltet und Wäsche gebügelt. Am Jahresende ist Schluss, Karin Sprenger wird aufhören. Aber nicht ganz freiwillig.

„Es ist ein schwerer Schritt“, sagt die Naumburgerin und atmet tief durch. Man merkt es der 71-Jährigen an, dass sie doch eigentlich noch gern weitergemacht hätte. Fit genug für die Arbeit ist sie nach wie vor, daran ist kein Zweifel. Aber ihre treue Partnerin, die alte Miele, schwächelt. Die Maschine hat auch längst das Rentenalter erreicht, gut 65 Jahre hat sie mit ihrer dicken Walze Tischdecken und Bettwäsche von Falten befreit, mehr als die Hälfte davon bei den Sprengers. Im Herbst, erzählt Karin Sprenger, konnte die Miele nicht mehr. Der Betrieb stand still.

Der Grund: Die Heizstäbe waren fertig, ausgebrannt. Als wollte die Miele sagen: Es ist Zeit für den Ruhestand. Karin Sprengers Ehemann Wolfgang und die beiden Söhne versuchten, Ersatzteile zu organisieren. Es wurde viel telefoniert, aber in ganz Deutschland waren keine passenden Heizstäbe aufzutreiben. Man hätte sie extra anfertigen müssen für ein horrendes Geld.

Die Familie beriet sich, überlegte, wägte ab und kam zu dem Schluss, zum Jahresende wird der Betrieb eingestellt. Bis dahin wird die alte Miele, die Dank einer Notreparatur inzwischen wieder in die Gänge gekommen ist, hoffentlich durchhalten.

„Mir blutet das Herz“, sagt Karin Sprenger, wenn sie an ihren letzten Arbeitstag mit der alten Miele denkt, an ihre Kunden, die ihr fehlen werden. Was ihr bleibt, ist die Erinnerung an eine Arbeit, die ihr Spaß gemacht hat.

Am 17. Februar 1976 startete Karin Sprenger ihr kleines Unternehmen. Die Miele hatten die Sprengers gebraucht gekauft. Vor der Eröffnung stand die Sorge, ob das Geschäft tatsächlich laufen wird, ob auch Kunden kommen werden. Sie kamen.

Die 70er waren die Jahre, in denen der Fremdenverkehr in Naumburg brummte. Aus dem Kohlenpott und aus Berlin kamen vor allem im Sommer jede Menge Touristen, Kurgäste nannte man sie in Naumburg. Es gab eine Vielzahl Beherbergungsbetriebe, viele Naumburger verdienten sich etwas nebenbei, indem sie einfache Gästezimmer vermieteten.

Die frisch gewaschene Bettwäsche und die Tischdecken wurden zu Sprengers zum Mangeln gebracht. Damals, blickt Karin Sprenger zurück, hat sie mit ihrer Mitarbeiterin von morgens zehn bis Mitternacht gearbeitet.

Inzwischen hat der Arbeitstag an der Heißmangel noch fünf bis sechs Stunden. Und noch immer gilt: „Die Mangel bestimmt die Abläufe.“ Wenn der Haushalt erledigt ist, wird die Miele angeworfen. Eine halbe Stunde braucht es, bis sie auf Betriebstemperatur ist. Die liegt bei 140 bis 150 Grad. Das führt auch dazu, dass es im Sommer im Raum so heiß wird wie in einer Sauna.

Im Winter dagegen ist es richtig gemütlich. Da bleibt die Kundschaft auch mal länger, Bekannte kommen auf ein Schwätzchen und packen auch gerne beim Zusammenlegen der Wäsche an.

Das wird ab Januar Geschichte sein. „Die alte Kundschaft ist traurig, aber die Leute haben auch Verständnis für unsere Entscheidung“, sagt Karin Sprenger. Und vielleicht wird es ihnen ähnlich gehen wie der 71-Jährigen: „Wenn es vorbei ist mit der Heißmangel, dann muss ich mich erstmal langsam entwöhnen.“

Von Norbert Müller

Quelle: HNA

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