Behandlung im Wohnzimmer: Bernd Becker macht bei seinen Patienten Hausbesuche

Ein Arzt zum Anfassen

Sie ist noch ziemlich fit: Zur Sicherheit kontrolliert Landarzt Bernd Becker in der Küche der 84-jährigen Luise Ganz noch einmal den Blutdruck . Foto: Herbst

Frielendorf. Das Geheimnis des Altwerdens? „Eine positive Lebenseinstellung“, sagt Landarzt Bernd Becker, während er seinen silbernen Audi über die vom Regen feuchte Fahrbahn lenkt.

Der Landarzt ist auf dem Weg zu einem Patienten. Alle vier Wochen besuchen die Ärzte der Gemeinschaftspraxis Becker, Neubauer und Krafft ihre Patienten, die es nicht mehr selber in die Praxis schaffen.

Vier Stopps liegen heute auf der Route von Bernd Becker. „Fast alle meiner älteren Patienten haben diesen lebensbejahenden Frohsinn“, fügt er nach kurzem Schweigen an. Manchmal würde er sich davon gerne eine Scheibe abschneiden.

In der Küche der ersten Patientin zieht sich der Landarzt seine Jacke aus, bevor er seine rote Arzttasche öffnet. Den weiß-grau-melierten Schal behält er um. Viel Zeit hat er nicht.

Vorsichtig schiebt Bernd Becker den blauen Pulloverärmel der Frau etwas höher Richtung Oberarm. „Zu Weihnachten kommt Ihr Sohn wieder nach Deutschland?“, fragt er die Patientin, während er ihr behutsam die Manschette überstreift, um ihren Blutdruck zu messen. Die Augen der alten Frau beginnen zu glänzen.

Sohn in den USA

Sie erzählt von ihrem Sohn, der in den USA lebt und ihrem Leben auf dem Bauernhof. Bernd Becker hört zu, fragt nach und notiert nebenbei die Werte auf einem kleinen Zettel mit dem Namen, Alter und den Medikamenten der Patientin. „Aber Sie lassen sich an Weihnachten beim Kochen helfen“, ermahnt Becker sie zum Abschied.

Im Auto wirkt der Arzt fröhlich. Der Besuch der alten Dame ist der Höhepunkt seiner Tour. „Danach bin ich immer beschwingt“, sagt Bernd Becker. Seit 20 Jahren kennt er seine Patientin, erzählt er. Dass die Werte der alten Frau noch so gut sind, macht ihn zufrieden.

Weniger ausgelassen ist die Stimmung bei der nächsten Patientin. „Der Winter ist eine Zumutung“, schimpft die 94-Jährige. Sie hat starke Arthrose. „Da haben Sie recht. Das ist heute ja wieder so ein Traumtag“, sagt Bernd Becker mit einem Augenzwinkern.

Die Tochter der 94-Jährigen hat eine Frage zur Abrechnung der Medikamente: „Die wollen das Mittel nicht bezahlen.“ Das sei schon lange vorbei, dass die Kassen das Medikament übernehmen, sagt Bernd Becker. „Aber ich nehme das mal mit und fülle es für Sie aus.“

Heute als Landarzt zu arbeiten ist schwierig. Bernd Becker ärgert es, dass er gezwungen ist, einen „Papierkrieg“ mit der Kassenärztlichen Vereinigung zu führen. Sie drohe mit einem Strafgeld, weil er ein Anti-Epileptikum zweimal in einem Quartal verschrieben hat. Spricht Bernd Becker über die Krankenkassen, wird er wütend.

Schlüssel durchs Fenster

Seine letzte Patientin an diesem Tag ist Luise Ganz. Die 84-Jährige hat Probleme mit dem Sehen. Dem Arzt reicht sie den Schlüssel durchs Fenster, um ihn herein zu lassen. Er kennt sich aus bei Frau Ganz. Der Blutdruck der Patientin ist in Ordnung. „Letztes Mal war er höher“, sagt die 84-Jährige etwas stolz. „Na, da war ja auch mein jüngerer Kollege bei Ihnen, Frau Ganz“, entgegnet Bernd Becker mit einem Lachen.

Trotz aller Einschränkungen und dem Ärger mit den Kassen, die Arbeit macht Bernd Becker Spaß. „Das ist eine schöne Sache“, sagt er schlicht und rückt seinen grauen Schal zurecht.

Von Ann-Kristin Herbst

Quelle: HNA

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