Statt Hilfe eine Ferndiagnose

Arzt des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes wimmelte Patientin am Telefon ab

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Kämpfen für bessere ärztliche Versorgung: von links Ursula Jungermann und Heidi Hermann. Im Bild fehlt Tochter Theresa Hermann.

Wernswig. Den 17. Mai, einen Dienstag, wird Theresa Hermann aus Wernswig so schnell nicht vergessen. Sie sei mitten in der Nacht und trotz kaum auszuhaltender Schmerzen von einem Arzt des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) abgewimmelt worden.

Jetzt haben sich die 31-Jährige, Mutter Heidi und Ursula Jungermann vom Ortsbeirat in Wernswig an unsere Zeitung gewandt, um auf Missstände aufmerksam zu machen, die die Einführung des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes ihrer Meinung nach mit sich gebracht habe.

Anrufe von Patienten unter der einheitlichen Nummer 116 117 landen bei der Dispozentrale der Kassenärztlichen Vereinigung. So ging es auch Theresa Hermann. Mitten in der Nacht bekam sie starke Bauchschmerzen. Die Dispozentrale leitete ihren Fall an einen Arzt aus Fritzlar weiter. Ihm schilderte die junge Mutter ihre Beschwerden. Der Arzt habe dann eine Ferndiagnose gestellt und ihre mittlerweile kaum mehr auszuhaltenden Schmerzen als Magen-Darm-Virus abgetan. Deshalb fahre er nicht raus, habe der Mediziner geantwortet. Theresa Hermann findet deutliche Worte: „Ich habe mich verarscht gefühlt“, sagt sie. Sie gehe nicht mit Kleinigkeiten zum Arzt und es sei das erste Mal gewesen, dass sie den ÄBD angerufen habe.

„Das kann doch nicht sein, dass man so mit Patienten umgeht“, sagt Heidi Hermann, deren Tochter es jetzt wieder gut geht. Sie habe ihrer Tochter in dieser Nacht geholfen, denn deren Sohn Felix musste betreut werden. Der Junge war erst wenige Wochen alt und hinter der Mutter lag ein Kaiserschnitt. Wenige Stunden nach der Abfuhr durch den ÄBD seien die Schmerzen noch schlimmer geworden. Da griff Hermann zum Telefon und rief ihren Hausarzt an. Der kam umgehend zu den Hermanns und diagnostizierte eine akute Gastritis.

Den Namen des ÄBD-Arztes wollen die Frauen nicht nennen. Sie wollen niemanden bloßstellen. „Wir wollen, dass das System überarbeitet wird“, sagt Jungermann. Das Wohl der Patienten gerate durch den ÄBD in den Hintergrund.

Theresa Hermann habe ihre Mutter in der Nähe gehabt, die sie auch in eine Klinik hätte fahren oder den Rettungswagen rufen können. Viele Menschen lebten allein und seien im Notfall überfordert, sagen die Frauen. In einer solchen Situation in einem Callcenter zu landen und dann auf den Rückruf eines Arztes zu warten, der Ferndiagnosen stellt, das sei eine schlechte Behandlung.

Das sagen Kassenärztliche Vereinigung und Landrat

Der jeweilige Arzt der Fahrbereitschaft müsse entscheiden, ob er zum Patienten fährt, sagt Petra Bendrich, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung. In der Regel erfolge ein Besuch. Dass Patienten nicht zufrieden seien, könne aber passieren.

Weil es an den drei Krankenhausstandorten Melsungen, Fritzlar und Ziegenhain ÄBD-Zentralen gibt, sei er zufrieden mit der Versorgung, sagt Landrat Winfried Becker. Allerdings habe auch er von Beschwerden gehört. Er fordere, dass die ÄBD-Anrufe bei der Leitstelle des Kreises landen sollten. „Wir hätten mit der 112 nur noch eine Notfallnummer.“ Dann würde eine Stelle entscheiden, wie die Patienten versorgt werden. Eine Folge sei, dass Patienten öfter den Rettungswagen anfordern und der in dringenderen Fällen nicht zur Verfügung stehe.

Hintergrund: Probleme dem Landkreis melden

Außerhalb der Hausarzt-Sprechstunden ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) unter Tel. 116 117 zu erreichen. Bei ernsten Erkrankungen sollte aber der Rettungsdienst gerufen werden (Tel. 112). Die Anrufe für den ÄBD landen für Nordhessen in einer Zentrale in Kassel, wo Disponenten im Schichtdienst arbeiten. Das Personal sei medizinisch geschult, heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung. Landrat Winfried Becker bittet darum, dass Patienten ihre Kritik am ÄBD auch dem Landkreis (Gesundheitsamt) mitteilen: „Nur wenn wir konkrete Fälle kennen, können wir reagieren und uns mit der Kassenärztlichen Vereinigung auseinandersetzen.“

Quelle: HNA

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