Asylbewerber: Junger Architekt will arbeiten

+
Die Familie Jajo, links Pfarrer Pflüger.

Gilserberg/Schwalmstadt. Auf einmal ist sie so nah, eine Geschichte von verfolgten Christen, die in unserer Nachbarschaft angelangt sind: Beim Neujahrstreffen des Kirchspiels Gilserberg-Sebbeterode berichtete Nabeel Jajo (58), Journalist und Ingenieur aus Bagdad, über die Situation in seiner Heimat.

Betroffen hörten die Menschen im Dorfgemeinschaftshaus von der Flucht aus Bagdad und dem Zwischenaufenthalt in Gießen. Seit vier Monaten ist die Familie im Asylbewerberheim in Schwalmstadt-Michelsberg untergebracht. Ihr Haus, ihre Arbeit, Bekannte und alles Hab und Gut haben die Jajos verloren. "Das macht uns sehr traurig, wir kommen uns hier so arm vor", sagte der 58-Jährige.

Einen anderen Ausweg habe er für seine Familie allerdings nicht mehr gesehen. Seit dem Sturz Saddam Husseins sei die Lage für Christen im Irak schlimmer geworden, die Gesellschaft mehr und mehr islamisiert. Seit dem Anschlag im Jahr 2010 auf ihre katholische Kirche, in der die beiden Söhne Yousif (23) und Wael (20) die Orgel spielten, sei für die Familie die Situation unerträglich geworden. Mehrere hundert irakischer Christen ließen bei dem muslimischen Terrorangriff ihr Leben. Auch zwei befreundete Priester der Familie starben in den Trümmern der Kirche. Anhand eines mitgebrachten Films machten sich die Gäste im Dorfgemeinschaftshaus Sebbeterode ein Bild von dem Anschlag.

"Nur durch Glück" sei ihnen die Flucht mit dem Flugzeug aus dem Irak gelungen, so Yousif, der ältere der beiden Söhne. Er hat seinen Universitätsabschluss als Architekt in der Tasche. Sein Examensprojekt: Ein katholisches Gemeindezentrum mit Kirche, Kloster, Bildungs- und Verwaltungsgebäuden. Zum Bau wird es nicht mehr kommen, niemand traue sich mehr, seinen Glauben öffentlich zu leben. Yousif hofft, bei einer Stuttgarter Firma Arbeit zu finden, die Arabisch sprechende Mitarbeiter sucht, doch dazu braucht er Papiere. Sein jüngerer Bruder Wael (20) hoffe, sein Studium der Lasertechnik in Deutschland beenden zu können.

Um sich ein neues Leben aufzubauen, braucht die Familie also eine Aufenthaltsgenehmigung. Der ersehnte Deutschkurs soll nächste Woche endlich starten. Eine andere Möglichkeit zum Erlernen der Sprache haben sie nicht. Voraus ging ein mühsamer Prozess. „Die zuständigen Stellen beim Landkreis kommen nicht in die Gänge“, sagte Silvia Scheffer, Flüchtlingsberaterin (Diakonie Homberg), auf HNA-Nachfrage.

Jetzt sucht die Englisch sprechende Familie noch einen ehrenamtlichen Anwalt. Auch privater Sprachunterricht wäre hoch willkommen. Um so dankbarer seien sie, vom Schicksal und dem vieler anderer irakischer Christen erzählen zu können so Nabeel Jajo. Doch offenbar seien die Einwanderungsbehörden aktuell mit der Vielzahl syrischer Flüchtlinge beschäftigt, lautet die Vermutung.

Über 1 Mio. Christen haben seit 2003 den Irak verlassen, es leben nur noch 300.000 dort, die meisten zu arm, um zu fliehen.

Von Kerstin Diehl

Quelle: HNA

Kommentare