188 Bewohner aus 15 Nationen

Ein Tag in der Asylbewerberunterkunft: Betreuung mit Fingerspitzengefühl

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Alltag in der Pommernanlage: Vera Wenzl vom Unterstützerkreis mit einigen Müttern und Kindern vor der Gemeinschaftsunterkunft. Wenzl startet häufig von der ehemaligen Kaserne in Richtung Stadtwald, um den Bewohnern die Natur näherzubringen.

Wolfhagen. In der Asylbewerberunterkunft am Rande des Wolfhager Stadtteils Gasterfeld leben derzeit 188 Bewohner aus 15 verschiedenen Nationen. Deren Betreuung erfordert viel Fingerspitzengefühl.

„Wir bekommen noch vier unangemeldete Flüchtlinge aus Serbien“, ruft Wilfried Zeuch seinem Chef Jörg Roßberg zu. Das Telefon steht kaum still beim Hausleiter der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, es gibt viel zu organisieren.

Und da die Aufgaben genauso vielfältig sind wie die Herkunftsländer der insgesamt 188 Bewohner, ist viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl nötig, sagt Zeuch. Er leitet seit den Anfängen im Januar 2013 bis jetzt die Geschicke in einem der beiden Häuser, in dem die Bewohner 15 verschiedener Nationen untergebracht sind.

Erster Tag ganz wichtig 

Zeuch erläutert die alltäglichen Abläufe in den beiden Häusern und unter welchen Bedingungen die Bewohner untergebracht sind. Natürlich spiele der erste Tag der Ankunft eine ganz wesentliche Rolle, deshalb versuche man auch immer, ein vorbereitetes Zimmer zur Verfügung zu stellen. Entgegen anderer Praktiken werden die neuen Bewohner von der Koordinierungsstelle in Kassel nicht etwa mit einem Bus in die Pommernanlage gebracht, sondern von ihren künftigen Betreuern abgeholt, sagt Zeuch. „Dadurch wird die Willkommenskultur gepflegt“. Ein wichtiger Aspekt bei Menschen, die häufig durch ihre Erlebnisse traumatisiert seien.

Dann erhalten die Asylbewerber ein Erstausstattungspaket mit dem Nötigsten wie Decken und Kissen und beziehen ihre Zimmer. Die sind, je nach Personenanzahl, einfach eingerichtet und teils mit Stockbetten. Auch Tische, Stühle und Spinde ähneln der früheren Ausstattung einer Bundeswehr-Stube. Getrennt nach Geschlecht gibt es auf den drei Etagen jeweils drei Backöfen und zwei Waschmaschinen sowie Gemeinschaftsduschen und -toiletten. Und genau dieser Bereich birgt auch Konflikpotenzial, sagt Heimleiter Zeuch, der sich sowohl in einer Kontroll- als auch Hilfsfunktion sieht.

Um die Nutzung von Backofen oder Dusche gäbe es hin und wieder mal Streit, dies sei aber eher selten. Nicht nur deshalb sind neben Zeuch noch drei weitere Mitarbeiter des Landkreises, alle unterschiedlichen Geschlechts und Profession, als Betreuer und Heimleiter tätig und durch ihre Büros auf den Fluren ganz dicht dran an den Bewohnern.

Der persönliche Kontakt und ein hoher „Betreuungsschlüssel“ sind laut Jörg Roßberg auch zwei Hauptgründe, warum das Zusammenleben und die Integration am Rande von Gasterfeld so gut klappen würden.

Große Unterstützung

Asylbewerber in der Pommernanlage: Hier Betreuerin Catja Houij und Hausleiter Wilfried Zeuch in der Wäschekammer, in der die Pakete mit Erstausstattungen für ankommende Bewohner gelagert werden.

Andere Landkreise etwa, die ihre Betreuung nicht durch eigenes Personal sicherstellen, hätten schlechte Erfahrungen damit gemacht, sagt Roßberg. Den wohl entscheidendsten Faktor aber machen laut Roßberg weder die Flüchtlinge selber, noch Mitarbeiter des Landkreises oder die gute Zusammenarbeit mit der Polizei aus: „Ohne unseren engagierten Unterstützerkreis von Freiwilligen wäre das so nicht möglich.“ Etwa 25 Personen aus der Bevölkerung und Institutionen wie Kirche und DRK geben den Asylbwerbern Deutsch-Unterricht, gehen mit ihnen in den Wald, spielen und helfen bei offenen Fragen. Eine derartige Unterstützung sei hessenweit sicher einmalig, lobt Roßberg das Engagement.

Der Landkreis Kassel hat seit dem 31. Dezember 2008 bis dato 751 Asylbewerber aus 43 verschiedenen Staaten aufgenommen. Durch die Zuweisungen im laufenden Jahr werde man aller Voraussicht noch in 2014 die 1000er-Marke knacken, sagt Jörg Roßberg. Aktuell leben 676 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften (374) und Wohnungen (302) des Kreises. Die größte Gemeinschaftsunterkunft befindet sich in Wolfhagen (188 Bewohner), dann folgen Fuldatal (90) und Helsa (37). Weitere Aufenthaltsorte im Wolfhager Land sind Naumburg (1) und Zierenberg (13). Die Konflikte in den Krisenregionen wie dem Irak und Syrien dürften laut Roßberg dafür sorgen, dass die Zahl der Flüchtlinge weiter steigt.

Von Nicolai Ulbrich

Quelle: HNA

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