Auch zuhause im Einsatz: Ehemann zu Weihnachten in Afghanistan

Schwalm-Eder. Die vier Wochen, bevor es losging, waren besonders schwierig. Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Bankgeschäfte - viel war zu erledigen. „Wir haben auch viel über den Tod gesprochen“, sagt Elvira Raatz aus Ottrau.

Jetzt, einige Wochen später, sitzt sie in der warmen Wohnstube, während ihr Mann Burkhard Tausende Kilometer entfernt in einem Lager lebt, das in Masar-i-Sharif, Afghanistan, steht. Auf die Soldaten richtet sich der Blick häufiger, so etwa beim jüngsten Besuch des Bundespräsidenten im Lager. Doch die Angehörigen, die zuhause bleiben, leben ebenfalls über Monate in einem Ausnahmezustand.

Für die 45-jährige Krankenschwester ist es nicht neu, dass ihr Mann im Auslandseinsatz ist. Er war bereits in Bosnien und im Kosovo. Doch Afghanistan ist gefährlicher. „Wir sprechen von Krieg“, sagt seine Frau über den Einsatz, an dem sie persönlich Zweifel hegt. Sie glaube nicht, dass die Soldaten am Hindukusch vieles zum Positiven verändern könnten, aber das sei ihre persönliche Meinung.

Es gehört zum Beruf

„Es ist aber der Beruf meines Mannes“, sagt sie. Und zu diesem Beruf kann es gehören, zu schießen und beschossen zu werden, töten und getötet zu werden. Elvira Raatz’ Horrorvorstellung ist, dass plötzlich ein Bundeswehrfahrzeug vor ihrem Haus auftaucht, denn das würde wahrscheinlich schlimme Nachrichten bedeuten.

Sie hat das schon mal erlebt, als ihr Mann im Auslandseinsatz war. Doch der hatte ihr über einen Kameraden nur einen Blumenstrauß zum Valentinstag bringen lassen - von schlechten Nachrichten keine Spur.

Sie spüre eine große Anspannung, sagt die Ottrauerin, andauernden Druck. Angst aber nicht. „Die Angst habe ich abgegeben“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich vertraue auf meinen Glauben.“ Elvira Raatz fühlt sich in der evangelischen Kirchengemeinde und bei der Militärseelsorge aufgehoben, so als sei sie in ein Boot genommen worden.

Und sie bekommt in diesen Tagen viel Zuspruch: freundliche Anrufe von Freunden, einen netten Satz vom Postboten, der selbst schon mal in Afghanistan war - in der Feldpoststelle, und mitfühlende Nachfragen.

Manchmal gibt es auch Reaktionen, die sie ärgern. Sie dürfe sich doch nicht beschweren, schließlich sei ihr Mann freiwillig Soldat geworden. Manche vermuteten auch, es gehe in Wahrheit um die Zulage, die es für den Auslandseinsatz gibt.

Als Burkhard Raatz 1986 Soldat wurde, war die Welt noch eine andere. Seine Frau sagt: „Damals stand nicht im Raum, das er für andere Leute einen Krieg führen würde.“

Kurze Telefonate

Seinen Dienst hat Raatz, der Prüfer für technische Teile am Hubschrauber Tiger ist, im Camp. Sollte aber ein Helikopter runterkommen, dann müsste er raus - raus in die Gefahr. Diesen Moment fürchtet seine Frau.

Mit Masar-i-Sharif telefoniert sie täglich, meist kurz. Von seiner Arbeit erzählt der Hauptmann nur wenig. Aber sie erfährt, ob alle im Camp gesund sind. Und ist sich sicher: Im absoluten Notfall würde ihr Mann heimkommen, auch aus Afghanistan.

Weihnachten ohne Mann und Vater: Jeder Tag wird gezählt

Es ist nicht das erste Weihnachtsfest ohne den Vater für Elvira Raatz und ihre drei Söhne (14, 20 und 21 Jahre). Heiligabend werden sie diesmal nicht - wie sonst - zuhause, sondern bei der Schwiegermutter verbringen. Am ersten Weihnachtstag sind sie bei Elvira Raatz’ Eltern.

Ihr Mann, der Soldat, wird wohl im Lager einen Gottesdienst besuchen können, vermutet seine Frau. Er hat in Masar-i-Sharif auch Fotos seiner Familie in Weihnachtskostümen, die sie ihm geschickt hatte. Mit im Paket war eine Schnur mit 24 Säckchen. Die hatte Elvira Raatz zuvor an Freunde und Bekannte verteilt, die sie mit einer persönlichen Kleinigkeit versehen zurück gaben. „Das freut ihn total“, sagt sie über das Geschenk.

Immer mal ein Tief

So wird auch Weihnachten vorbei gehen als Teil einer Zeit, in der es - wie Elvira Raatz sagt - immer mal wieder ein Tief gibt. Wenn Heiligabend vorbei ist, wird Burkhard Raatz in Masar-i-Sharif wieder einen Tag weniger zählen bis zu Rückkehr, die für März geplant ist.

Und am selben Tag wird sein Sohn Oliver einen Tag mehr im Kalender abstreichen, der seit dem Abschied vom Vater vergangen ist.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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