Vertreter der evangelischen Kirchen feiern Neubeginn 1945 am historischen Ort

70 Jahre EKD: Aufbruch bei Pfefferminztee

Die sieben Sprecher des vorläufigen Rates bei der Kirchenkonferenz in Hephata im August 1945: Von links Martin Niemöller, Wilhelm Niesel, Theophil Wurm, Hans Meiser, Heinrich Held, Hanns Lilje und Otto Dibelius. Foto: privat

Schwalmstadt/Treysa. Vor 70 Jahren wurde in Treysa die Evangelische Kirche in Deutschland gegründet. Zum Jahrestag kamen amtierende und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende zusammen.

Im Kirchsaal von Hephata teilten Persönlichkeiten der deutschen, evangelischen Kirchen vor 70 Jahren Rote Bete und mitgebrachte Kartoffeln, am Samstag war es ein vorzügliches Schwälmer Buffet mit Platz, Rindfleisch mit Meerrettich und Klößen, das sich hohe protestantische Kirchenprominenz schmecken ließ.

Lesen Sie hier einen Rückblick auf 70 Jahre EKD.

Doch das Familientreffen amtierender und ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender stand natürlich in erster Linie im Zeichen des Neubeginns 1945 und des notwendigen Aufbruchs heute.

Der amtierende Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm fand es bewegend, an dem Ort zu sein, wo sich im August 1945 über „120 Herren in schäbigen Anzügen bei Pfefferminztee“ zusammen fanden.

Sie rangen um den Neubeginn der evangelischen Christen entweder in einer „Kirche von unten“ oder aber in der Nachfolge der Konfessionskirche der Lutheraner. Es wurde ein Treffen des Widerstreits, das nach nur drei Tagen im Provisorium eines vorläufigen Rates mündete. Bedford-Strohm: „Errichtet wurde kein stolzer Dom, sondern eher eine Baracke - aber eine erstaunlich wetterfeste.“

Bischof Martin Hein

Martin Hein, Bischof der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, begrüßte die Gäste „in den Kernlanden der evangelischen Landeskirche - in der Schwalm“. Diese sei in doppelter Hinsicht eine historische Stätte, denn aus dem nahen Ziegenhain sei ja 1539 die Kirchenzuchtordnung und mit ihr die Konfirmation als Hessens Geschenk an die Weltkirche ausgesandt worden. Hein: „Treysa steht nun für den Neuanfang des Protestantismus in Deutschland.“

Dennoch seien weder die Schwalm noch Hephata Inseln der Seligen, lange Zeit habe man sich schwer getan mit der eigenen Vergangenheit. Nun sei wieder ein tiefgreifender Wandel im Gange, der „neuer, verflüssigter Strukturen“ bedürfe, sagte Hein, „die Zeit der Selbstverständlichkeit ist vorbei“.

Wie kontrovers es zuging bei der Konferenz von Treysa, zu der 47 Männer geladen waren, aber über 120 erschienen, darüber referierte Jochen-Christoph Kaiser (Steinatal). Der Kirchenhistoriker beschrieb heftig streitende Parteien, „kirchenpolitisch ging es um Macht und Einfluss“ sowie Widerstand gegen die verkrusteten Strukturen einer Behörden- und Pastorenkirche der Vorkriegszeit - ein eher schmerz- als glanzvolles Treffen. Jedenfalls wurde damals die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) als Kirchenbund begründet, Kaiser: „Treysa setzte hoffnungsvolle Zeichen in die Zukunft bis heute.“

Begeistert von der Ahlen Worscht: (v. r.) Präses Irmgard Schwaetzer, Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Dekan Christian Wachter.

Beim Empfang eine Etage tiefer im Kirchsaal beschrieb Vorstandssprecher Maik Dietrich-Gibhardt den Gästen von zum Teil weither die Wurzeln und die Gegenwart Hephatas und zeigte sich „stolz darauf, dass hier ein Stück Kirchen- und Diakoniegeschichte geschrieben wurde“.

Dekan Christian Wachter vermittelte die Besonderheiten der Schwalm als jahrhundertelanges Zentrum einer eigenen Grafschaft mit eigener Sprache und eigener Tracht. Noch bis in die 1980er Jahre sei das Abendmahl hier in einer festen Ständeordnung gefeiert worden. Er versäumte es nicht, den EKD-Spitzen Ahle Worscht zu überreichen, die Ratsvorsitzender Bedford-Strohm und Irmgard Schwaetzer, Präses der EKD-Synode, hocherfreut entgegen nahmen.

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70 Jahre Rat der EKD

Quelle: HNA

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