17-Jährige brach in Tränen aus

Opfer kamen zu Wort: Auftakt des Wolfhager Missbrauchsprozesses

Kassel/Wolfhagen. Es dauerte nur zwei Sätze, da war es mit der Fassung der jungen Frau vorbei. „Als Kind versucht man das zu verdrängen“, brachte die 17-Jährige noch heraus. „Damit die Eltern das nicht rausbekommen.“ Doch dann brach sie in Tränen aus.

Nie hat die Jugendliche erzählt, was ihr Onkel mit ihr gemacht hat, als sie noch ein Kind war. Und nie hat sie sich gegen seine Übergriffe gewehrt. „Ich wusste nicht, wozu er noch fähig ist – ich hatte tierische Angst.“ Erst als der Wolfhager im Mai 2013 festgenommen wurde, sprach sie über ihre Erlebnisse. Mindestens 26 Mal soll sich der Mann an ihr vergriffen haben, wenn sie bei ihm und seiner Ehefrau zu Besuch war – und dabei immer wieder auch allein in deren Haus übernachtete. „Ich habe nicht gewusst, wie ich sagen soll, dass ich da nicht mehr hinwill“, erzählt sie.

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Immerhin: Als sie am Mittwoch beim Prozessauftakt gegen den 55-Jährigen vor dem Kasseler Landgericht als Zeugin auftritt, muss sie den sexuellen Missbrauch nicht noch einmal schildern. Das bleibt ihr wie ihren vier Leidensgenossinnen wegen des vorbehaltslosen Geständnisses des Angeklagten erspart. Die beiden jüngsten Opfer – zwei leicht lernbehinderte Schwestern, heute sieben und elf Jahre alt – werden deshalb sogar gar nicht ins Gericht kommen müssen.

Der Angeklagte, berichtet die Mutter der Geschwister, habe ihr nach dem Tod ihres Ehemanns seine Hilfe angeboten. Bei Papierkram, mit dem er sich als Rathausmitarbeiter auskannte. Aber auch bei der Kinderbetreuung: Bereitwillig habe er die Mädchen und ihren Bruder zu sich eingeladen oder sei mit ihnen in ein Fast-Food-Restaurant gefahren. „Sie sind gerne mitgegangen“, sagt die 44-Jährige. „Mir ist nie was aufgefallen.“ Dabei soll der Angeklagte das jüngere Mädchen einmal sogar bei einem solchen Ausflug im Auto ausgezogen und begrapscht haben. Und das während der Junge auf der Rückbank saß.

Wie sich all das langfristig auf die Psyche der Kinder auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Die älteren Opfer schildern die Folgen des Missbrauchs sehr unterschiedlich. „Ich kann keine längeren Beziehungen führen“, sagt eine 22-Jährige, die sich als einzige der Geschädigten selbst bei der Polizei gemeldet hat – von ihr hatten die Ermittler keine Foto- oder Videoaufnahmen beim Angeklagten entdeckt. Die Frau, die bereits vor fast 20 Jahren von dem Mann missbraucht wurde, dagegen glaubt, die Erlebnisse erfolgreich verdrängt zu haben: „Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei Kinder“, sagt die 27-Jährige. Selbst ihrem Ehemann erzählte sie nie etwas. Erst jetzt komme alles wieder hoch: „Ich denke immer: Warum habe ich damals nicht gesagt?“ Der Prozess wird am kommenden Mittwoch (29. Januar) fortgesetzt. Dann soll unter anderem die Ehefrau des Angeklagten als Zeugin gehört werden. (jft)

Archiv-Video zum Fall

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Norbert Müller

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