Arge-Chef Gatzweiler und Arbeitslosen-Aktivist Baumann im Redaktionsgespräch

Auge in Auge mit Hartz IV

Schwalm-Eder. Sie kamen beide im gedeckten Braun: Hans-Gerhard Gatzweiler, Chef der Arbeitsförderung Schwalm-Eder (Arge), und Lutz Baumann, Vorsitzender der Organisierten Arbeitslosen im Schwalm-Eder-Kreis (Oase) saßen sich zum ersten Mal Auge in Auge gegenüber.

Die HNA hatte sie zum Redaktionsgespräch eingeladen.

Herr Baumann, ist Hans-Gerhard Gatzweiler für Sie das personifizierte Böse?

Baumann: Ja, eigentlich schon. Bei uns heißt die Arge nur Sanktions- und Sparbehörde.

Herr Gatzweiler, ist Lutz Baumann für Sie der nervigste Kunde?

Gatzweiler: Nein. Arbeitsloseninitiativen sind notwendig. Sie zeigen uns, wo wir Fehler machen. Mit dem Stil der Oase bin ich aber nicht immer einverstanden.

Gibt es Menschen, die nicht arbeiten wollen. Und wenn ja, sind dann Sanktionen nicht doch nötig?

Baumann: Also, ich kenne solche Menschen persönlich nicht. Wenn es Menschen gibt, die nicht arbeiten wollen, ist ihr Prozentsatz verschwindend gering. Die Sanktionen sind daher meistens nicht gerechtfertigt.

Gatzweiler: Sanktionen gibt es, weil wir nicht mit jedem Kunden eine Einigung erzielen können. Bestimmte Spielregeln müssen eingehalten werden. Und es gibt tatsächlich Menschen, die nicht arbeiten wollen.

Baumann: Wir werden über einen Kamm geschoren. Wir würden uns aber wünschen, dass die Sachbearbeiter zwischen glaubwürdigen und unglaubwürdigen Kunden unterscheiden könnten.

Zum Beispiel?

Baumann: Meine Frau ist seit drei Monaten in einem 400-Euro-Arbeitsverhältnis. Trotzdem wurde sie sehr kurzfristig zu einem Gespräch eingeladen. Ohne Angabe von Gründen. Sie wollte den Termin verlegen, sollte aber eine Bescheinigung vom Arbeitgeber vorlegen, dass sie an besagtem Termin arbeiten musste.

Gatzweiler: Die meisten Sanktionen gibt es wegen der Nichteinhaltung von Terminen. Viele vergessen sie oder setzen andere Prioritäten. Aber natürlich sollte kein Termin festgelegt werden, wenn ein Kunde gleichzeitig einen Nebenjob hat.

Können Ihre Mitarbeiter die Glaubwürdigkeit nicht beurteilen?

Gatzweiler: Das können sie, und das machen sie auch. Sie müssen dem Fall angemessen entscheiden. Unsere Schreiben klingen sehr bürokratisch, da haben wir aber keinen Gestaltungsspielraum.

Ist ein Vertrauensverhältnis denn überhaupt vorstellbar?

Baumann: Nicht solange wir immer wieder entwürdigend und ehrverletzend behandelt werden. Außerdem sind die Mitarbeiter schnell genervt.

Gatzweiler: Ich möchte gerne, dass meine Mitarbeiter sich auf jeden Kunden einstellen. Wir haben eine große Bandbreite an Arbeitslosen. Wir wünschen uns, dass eine persönliche Beziehung entsteht. Wenn es mit dem Sachbearbeiter nicht klappt, bieten wir immer an, ein Gespräch mit dem Teamleiter zu führen.

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Quelle: HNA

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