Februar 1974: Andreas Baader schmiedet Fluchtpläne im Ziegenhainer Gefängnis

Ausbruch mit Sprengstoff

Grobe Skizze: ein Teil des Fluchtplans. Repro: nh

Ziegenhain. Während der ersten Monate seiner Haft in Schwalmstadt organisierte Andreas Baader Hungerstreiks, dazu bildete er sich intensiv fort.

Aber schon bald fand er einen neuen Betätigungsschwerpunkt. In einen sehr detaillierten Kassiber, einer heimlich übermittelten Nachricht an Mitglieder der Roten Armee Fraktion, die noch in Freiheit waren, entwickelte Baader fünf Szenarien, um aus der JVA in Schwalmstadt fliehen zu können. Aus der JVA heraus geschmuggelt wurden sie von Baaders Anwälten. In ihnen spielte sowohl der Gedanke einer Geiselnahme mit seiner Freipressung als Ziel als auch der Gedanke einer Sprengung der Gefängnismauern eine große Rolle.

Klaus Stern, hat diese Aspekte von Baaders Aufenthalt in der JVA hervorragend aufgearbeitet. So zitiert er Baader in originaler Typographie mit folgenden Worten: „Nachts auf das dach. Paar ziegel abheben […], reinkriechen, die ziegel wieder einhängen, sich durch die decke in den raum neben dem klo sägen. Ist keine tragende decke - also wahrscheinlich nur bretter […] schamott, putz auf schilf. Das dauert höchstens ne halbe stunde, wenn du das richtige Werkzeug hast […] Sehr unwahrscheinlich, dass es gehört wird, weil das gebäude zum verwaltungstrakt gehört“.

Wie sich die Mitglieder RAF den Sprengstoff für die Baader-Befreiung besorgen sollen, auch darüber gab Baader detaillierte Anweisungen aus der JVA heraus – stammte doch der Sprengstoff für die große Offensive der RAF im Mai 1972, bei der bei fünf Anschlägen fünf Menschen und 53 verletzt, z.T. auch schwer verletzt, wurden, aus einem Steinbruch bei Oberaula, der zu den Kasseler Basaltwerken gehörte.

Wenn Baader Probleme in seiner Flucht sah, dann vor allem darin, dass die Entfernung zur nächsten größeren Stadt nicht gering ist. Dazu kam, dass es „sicher nicht leicht [sei, T.S.] in diesem kaff nachts auch nur ein fremdes auto zu parken. Muss jedenfalls marburger oder alsfelder nummern haben“. Doch auch vor einer Flucht zu Fuß hatte er keine Angst. Schließlich kannte er sich durch die „Heimkampagne“ 1969 mit den Heimen in Wabern, Rengshausen und Guxhagen gut in der Gegend aus.

Doch die RAF-Mitglieder in Freiheit waren zu diesem Zeitpunkt zu schwach, um derart große und aufwendige Aktionen durchzuführen, saß doch mittlerweile fast die gesamte erste Generation der Terroristen in den Gefängnissen.

Saß für mehrere Monate in der JVA Ziegenhain ein: Andreas Baader schmiedete Fluchtpläne. Foto: Archiv

Im Februar 1974 flogen Baaders Fluchtpläne auf. Oberstaatsanwalt Zeis kam nun mit einer ganzen Delegation zur Zellendurchsuchung nach Ziegenhain.

Während der Durchsuchung warf er Baader u.a. vor, dass es keine Heldentat sei, ein Wagen voller Sprengstoff zu laden, ihn anschließend zu sprengen und dabei den Tod von unschuldigen Menschen zu riskieren. Baader antwortete mit einer Gegenfrage: „Wie er es denn beurteile, wenn ein US-Bomberpilot, auf einem Knie eine halbleere Bierdose, auf den Knopf drücke, einen Bomben-teppich lege und hierbei einige Hundert Vietnamesen sterben müssen?“ Andreas Baader blieb bis zum November 1974 in der JVA Schwalmstadt inhaftiert. Dann erfolgte der Umzug nach Stuttgart-Stammheim. Dort verübte er am 18. Oktober 1977 Selbstmord.

Quelle: HNA

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