Jubiläumskabarett

Beduinenzelt im Kleingarten: Melsunger Kabarettwettbewerb startete

Bedrückend: Pago Balke schlüpfte in viele Rollen, derbe war die Vorführung von Dirty Dieter, einem Schlachter. Am Klavier wurde er begleitet von Meinrad Mühl. Foto: Dewert

Melsungen. Die „scharfe Schwarte", wie der Kabarettist Pago Balke den Kabarett-Wettbewerb um die Scharfe Barte witzig verballhornte, wurde an diesem Abend noch nicht verliehen. Es war aber die Auftaktveranstaltung zum 20. Melsunger Jubiläumskabarett-Wettbewerb, die der 30-jährige Dresdener Erik Lehmann eröffnete.

Lehmann ist Mitglied der berühmten „Dresdener Herkuleskeule". Sein Soloprogramm trägt den Titel „Der letzte Lemming". Warum das Soloprogramm Lehmanns diesen Titel trägt, erschloss sich den 400 Zuschauern in der Melsunger Kulturfabrik an diesem Abend allerdings nicht so recht. Aber dennoch: Mit einem rasanten Soloprogramm eröffnete Lehmann eine, wie er selbst sagte, „politisch unkorrekte“ Reise durch Abgründe menschlicher Unzulänglichkeit.

Lehmann alias Uwe Wahrlich nimmt gnadenlos aufs Korn, was ihm vor die Flinte kommt: die Sachbearbeiterin Frau Dinges aus der Arbeitsagentur und ihr Klientel, den Vorsitzenden des Schrebergartenvereins, der eine Rede in englischer Sprache an „the people of Syria“ anlässlich des Herbstfestes des Vereins hält (Let’s talk about Schrebergartenbasics) und die Absicht der Stadtverwaltung, einen Seniorenspielplatz zu errichten. Politisch völlig inkorrekt sein Beitrag zum Thema „Integration“ („Ich bin für Integration, aber nicht in unmittelbarer Nachbarschaft“), denn „ein Beduinenzelt gehört nicht in einen deutschen Kleingarten“. Lehmann brillierte mit Sprachwitz, skurillen Ideen und schrägen Geschichten - lediglich seine „Testwitze“ als Quasizugabe wirkten ein wenig aufgesetzt, einer von den zehn Witzen hätte gereicht, um deutlich zu machen, dass das Publikum auch über Klamaukwitze lacht.

Bei Balke ging’s um die Wurst

Veranstaltung: Am Mittwoch geht es um 19 Uhr in der Kulturfabrik weiter. Auf dem Programm stehen John Doyle, Matthias Ningel. Karten an der Abendkasse (10/8 Euro).

Pago Balke, dreißig Jahre älter als Lehmann, gebürtiger Bremer, schlüpfte anschließend in verschiedene Rollen, um das Thema „TIERtorTOUR“ von vielen Seiten zu beleuchten. In zehn unterschiedlichen Rollen (als Ferdl vom Gnadenhof, Frau Antje aus Holland, Udo Lindenberg, Pierre aus „Fronkreisch“ und als Papst Benedikt) arbeitet Balke das Thema „Das Tier und wir“ „satierisch und bissfest“ auf.

Begleitet von Meinrad Mühl am Klavier, dem tierfreundlichen Mitspieler Herr Groenewold, zieht Balke in der Rolle Gerd Klüsings vom „Bundesverband der landwirtschaftlichen Agro-Business Fleischerzeugung Sektion Diepholz“ gegen Vegatarier, Veganer und andere „fleischlose Gesellen“ radikal vom Leder.

Bedrückend sein Beitrag als Dirty Dieter vom Schlachthof, der als „Stecher vorne in der Kette“, als „Wurstinator“ agiert und nach 40 Dienstjahren im Schlachthof auch im Privatleben mal zusticht.

Die Eröffnungsveranstaltung präsentierte zwei Wettbewerber mit unterschiedlichen Ansprüchen, verließ sich Lehmann noch auf seine Stärke als Solokabarettist, setzte Balke verstärkt auf musikalisches Kabarett mit sozialkritischem Anspruch. Beide erhielten für ihr Engagement großen Beifall. Die mehrköpfige Jury und das Publikum werden es nicht leicht haben, einen Sieger dieses ersten Abends zu krönen.

Von Gert Hirchenhain

Quelle: HNA

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