Hospital in Fritzlar: Ohne Ärzte wird Geburtshilfestation schließen 

Zweitgrößter Arbeitgeber in Fritzlar: Das Hospital zum Heiligen Geist. Foto: Archiv

Fritzlar. Seit 2012 beschäftigt man sich am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist damit, dass Nachfolger für die Belegärzte der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe gefunden werden müssen, bislang vergeblich. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.

Sie wollen alles dafür tun, damit es auch weiterhin eine Geburtshilfestation am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist geben wird. Das versicherten Geschäftsführung, Kuratorium und Stiftung der Klinik ebenso wie der Ärztliche Direktor Dr. Carsten Bismarck und Fritzlars Bürgermeister Hartmut Spogat. Doch bislang waren alle Bemühungen vergebens.

„Wir haben viel getan, können aber noch keine Namen nennen“, sagte der Kuratoriumsvorsitzende Karl-Otto Winter. Trotz dieser ernüchternden Bilanz sei man vorsichtig optimistisch. „Es gibt positive Signale“, so Bismarck.

Warum hören die beiden Gynäkologen auf? 

Tatjana Braun und Wolfgang Kersting hören nicht ganz auf. Ihre Gemeinschaftspraxis im Hospital werden sie weiterführen, aber keine Entbindungen mehr vornehmen. Beide werden nicht mehr als Belegärzte arbeiten. Sie scheiden altersbedingt auf eigenen Wunsch aus. Bislang haben sie zu zweit 500 Geburten im Jahr im Hospital begleitet.

Was bedeutet es für die Patienten, wenn die Gynäkologen ihre Tätigkeit einstellen? 

Unabhängig vom Ausgang der Nachfolgesuche bietet die Belegabteilung Gynäkologie und Geburtshilfe bis Ende Dezember 2015 alle Leistungen rund um Frauenheilkunde und Geburt an.

Was machen Kuratorium und Geschäftsführung, um Nachfolger zu finden? 

„Wir sind mit großem Aufwand dabei, Personal in Deutschland und im Ausland zu suchen und haben auch alternative Optionen geprüft“, erklärt Heinrich Gerdes, Geschäftsführer des Hospitals. Dabei setze man Headhunter ein, die auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert seien, schalte in medizinischen Fachmedien Anzeigen und habe persönlich Ärzte in verschiedenen Kliniken sowie niedergelassene Ärzte im Raum Fritzlar angesprochen. Deutschlandweit habe man 641 Ärzte angesprochen und 3201 Telefonate geführt.

In welchen weiteren Ländern wurde nach Frauenärzten gesucht? 

In den baltischen Staaten wurden insgesamt drei Kandidaten ausgemacht, nur eine habe ausreichend gut deutsch gesprochen. In Polen habe man über 100 Fachärzte kontaktiert, aber nur Absagen kassiert. In der Tschechischen Republik und der Slowakei seien 173 Fachärzte kontaktiert worden, in Ungarn 122 und in Bulgarien sowie Rumänien jeweils ein Facharzt. Zuletzt habe man auch Ärzte in Griechenland kontaktiert. „Das ist noch ein zartes Pflänzchen“, sagte Karl-Otto Winter.

Wie war bislang die Resonanz auf die Bemühungen? 

Bislang habe niemand vertieftes Interesse an der Position gezeigt, erklärte Gerdes. „Wir machen unsere Arbeit gerne und sind besonders traurig, weil sich bislang keiner die Abteilung angesehen hat. Es ist einfach zu wenig Interesse da“, sagte Gynäkologe Wolfgang Kersting. Dabei sei es eine schöne Abteilung, Fritzlar sei attraktiv, man habe guten Zuspruch der Patienten. Gut wäre, wenn man die Arbeit auf vier Schultern verteilen könnte.

Welche Anreize und Alternativen gibt es für mögliche Interessenten? 

Um einen maximalen Anreiz zu bieten, hätten Interessenten drei Optionen: Sie könnten als Belegärzte tätig werden mit freiem Sitz im Landkreis und Praxisräumen im Hospital. Man biete auch die Möglichkeit einer Festanstellung im Hospital an oder die Festanstellung beim Medizinischen Versorgungszentrum. „Zusätzlich bietet das Krankenhaus Interessenten für eine Belegarztstelle einen finanziellen Anreiz“, sagte Gerdes.

Wären auch Kooperationen mit anderen Kliniken möglich, um eine Schließung der Abteilung zu verhindern? 

Solche Gespräche wurden bereits geführt, erklärte Gerdes. „Gesprächspartner waren die Kasseler Kliniken. Dabei ging es unter anderem um die Übernahme von Rufbereitschaftsdiensten bis hin zum Komplettbetrieb der Belegabteilung.“ Ergebnis: Diese Kliniken sehen keine Möglichkeit der Zusammenarbeit. Weitere Kooperationsgespräche gab es mit den Unikliniken Gießen und Marburg - ohne Erfolg.

Wäre die Einrichtung eines hebammengeführten Geburtshauses eine Lösung? 

Diese Option werde nicht verfolgt. Grund: „Die Entfernung zum nächsten Krankenhaus mit Geburtshilfestation wäre im Fall von Komplikationen zu groß und damit das Risiko für Gebärende und Kinder zu hoch“, so Gerdes.

Warum konnten bislang keine Gynäkologen gefunden werden, die die Belegabteilung weiterführen wollen? 

Ein Grund sei der deutschlandweite Fachärztemangel im ländlichen Raum. Dabei zeige sich auch ein gravierendes Stadt-Land-Gefälle im Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe. Rund 33 Prozent aller praktizierenden Frauenärzte befinde sich in Großstädten, obwohl nur 25 Prozent der Bevölkerung dort lebe.

Welche weiteren Gründe gibt es neben dem Fachärztemangel?

Vor allem die Rufbereitschaft, also die permanente Verfügbarkeit, sei ein Problem, erklärt Gerdes. Bislang teilten sich Kersting und Braun 365 Nächte, und das bedeute pro Arzt über 180 Nachtdienste. Diese Konstellation sei einmalig in Deutschland - und kräftezehrend. Hinzu kämen hohe Versicherungsprämien - Braun und Kersting zahlten allein dafür monatlich je 4500 Euro. Man müsse auch der Politik die Frage stellen, wie es weitergehen soll, sagte Dr. Carsten Bismarck. Den Hausarztmangel habe man erkannt, er erwarte ein Programm für Geburtshilfe.

Würde die Schließung der Gynäkologie dem Krankenhaus wirtschaftliche Vorteile bringen? 

Das Gegenteil sei der Fall. Die Belegabteilung Gynäkologie und Geburtshilfe verzeichne im Jahr durchschnittlich 500 Geburten. Damit arbeite sie wirtschaftlich. Und der Trend weise sogar nach oben: Im vergangenen Jahr gab es mit 534 Entbindungen einen Rekord.

Was passiert mit der Abteilung und ihren Mitarbeitern, wenn sie geschlossen wird?

Die derzeit in dem Bereich tätigen Krankenschwestern sollen im Fall der Schließung im Haus weiterbeschäftigt werden. Die Beleghebammen würden ihre Tätigkeit zum Ende des Jahres beenden. Die frei werdenden Betten würden bestmöglich genutzt werden, um den wirtschaftlichen Bestand des Krankenhauses langfristig zu sichern, erklärte Gerdes. Eine solche Umnutzung würde Investitionen erfordern und damit eine wirtschaftliche Belastung für die Klinik bedeuten.

Lesen Sie auch:

Noch keine Lösung für Geburtshilfe im Hospital

Geburtsstation: Erhält Hospital Konkurrenz?

Quelle: HNA

Kommentare